Ohren- und Fingerringe nahm ich nicht wahr, wohl aber silberne oder messingene Spangen am Vorderarme. Für jene Ringe tragen indeß die Frauensleute andere Zierden, die so recht in den wilden Kram noch taugen. Gleich unter den Nasenöffnungen wird ein Fleck des Gesichtes auf jeder Seite blau gefärbt, und, die Wahrheit gestanden, es würde sich dies ohne weitere Zugabe nicht einmal sehr übel ausnehmen. Dann sitzt ein solcher Fleck auf der Stirne zwischen den Augenbraunen; oder zur Seite des Kinns die Figur ÷÷ oder mitten im Kinne ; oder zur Seite der Mundwinkel Eines oder Mehreres, wo nicht Alles zusammen, befremdet den Abendländer bald bei dieser, bald bei jener Frauensperson. Andere Beobachter könnten, wie ich nicht zweifle, noch mehr erzählen. Mir schien schon das Gegebene zu viel, selbst wenn die Punktirung eine sinnige Schrift vorstellen sollte. Es wäre für die Abendländer ein neuer Quell des Gewerbefleißes geöffnet, geriethen sie je auf den Einfall, Bücher an sich abzutatowiren oder auf Menschen Büchersäle zu bauen.

Der Mann trägt ein langes, vorne in der Länge gespaltenes, um die Lenden zugegürtetes Hemde meist von blauer Farbe. Das kürzere Ueberhemde steht am Vordertheile der Länge nach offen, und hat, wie dasjenige der Weiber, ebenfalls breite Streifen, z. B. von rother Farbe. Ich durfte mich ordentlich zusammenfassen, um die Tracht der Jerusalemer festzuhalten; denn in einer Stadt, wo so viel Trachten durch einander wimmeln, wird die Aufmerksamkeit gar leicht zerstreut. Bald ein polnischer Jude, bald ein russischer Edelmann, bald ein Grieche, bald ein Franke etc. mischen sich in das dem Landeseingebornen Eigenthümliche. Die Tracht europäischer Juden hat viel Gemeinsames mit derjenigen der Eingebornen; sie gewinnt unstreitig geschichtliche Bedeutsamkeit, und keinen Augenblick schwebe ich im Zweifel, daß die Israeliten des alten Testamentes sich ähnlich kleideten, wie die neuen Rabbinisten oder Talmudisten. Der Bauer des Landes trägt seinen üppigen Bart ungeschoren; hingegen lassen die meisten Städter bloß den Schnurrbart stehen und scheren den übrigen Bart, alle aber den Kopf. Der morgenländische Christ bedeckt sein Haupt mit einem Turban gleich andern Morgenländern. Man sieht rothe, grüne, weiße, blaue, bunte Turbane. Viele Mohammetaner haben, wie in Egypten, eine rothe Mütze (Fes) auf ohne Bund.

Das Kriegsvolk.

Seit Syrien unter egyptische Botmäßigkeit gebracht ist, wird es von Kriegern überschwemmt. Einzig und allein mit einer zahlreichen, bewaffneten Mannschaft vermag der Statthalter Egyptens die Syrier zu zügeln, auf daß sie ihm nicht abtrünnig werden. Es ist eine ausgemachte Sache, daß das Land unter der Last Pflastertreter schwer leidet. Es drängt sich die beherzigenswerthe Frage auf: Würde der Vizekönig nicht mehr besitzen, wenn er mit Egypten sich begnügt hätte?

Man kann sich auch in Jerusalem nicht bergen, daß die neue Ordnung der Dinge in Bezug auf Polizei sich aufs herrlichste bewährt. Ob aber das Alles sich halten werde, wenn einmal die Menge achtunggebietender und furchteinflößender, fremder Wehrmänner das unterjochte Land räume, liegt unenthüllt im Schoße der Zukunft. Freilich verheißt die Art und Weise, wie die Verbesserungen eingeführt wurden, nicht die sicherste Gewähr. Denn der neue Verwalter begann sie nicht von Grund und Wurzel aus; er trachtete nicht, die Hauptsache, in der eigentlichen Volksschule die Landeskinder in Kenntnissen vom Guten und Nützlichen mehr unterrichten zu lassen. Nur durch eine Schreckenherrschaft, vor der jedwedes menschliche Gefühl zurückbebt, verscheuchte er die Weglagerer, die Räuber, die Mörder. Diese unterlassen Frevel, Raub und Mord nicht, weil sie von Gott und dem Fürsten verbotene Handlungen sind, sondern weil sie vor der unausbleiblichen strengen Strafe zittern. Beseelte die feigen Syrier ein Gran Muthes, so würde die schöne Polizei des neuen Gebieters wie eine Seifenblase zerplatzen.

Strabo nennt die Bewohner der Gegend, woher ich gebürtig bin, Räuber, Streifhorden, und schildert in Beziehung auf Geistesbildung die alten Syrier zu ihrem Vortheile. Ich wandere nun in Palästina, und kann hier erzählen, daß bei uns die Sicherheit der Person und des Eigenthums auf einer sittlichen Grundlage, dem gewissen Zeichen der Entwachsenheit aus dem barbarischen oder rohen Zustande, ruht. Was würde der Kappadozier heute dazu sagen?

Um zu den Verbesserungen Mehemet-Ali’s zurückzukehren, so will ich nicht verhehlen, daß er eine neue medizinische Schule in Damaskus gündete. Man müßte indessen eine Binde vor den Augen haben, wofern man nicht die blutige Richtung selbst in dieser so menschenfreundlich scheinenden Maßregel erblickte. Zum Kriegen braucht man Leute, und sobald man Leute braucht, so muß es Einem daran liegen, daß sie am Leben erhalten werden.

Die Regierung Mehemet-Ali’s reibt sich an so manchen Gegensätzen: Ernst neben Spiel, Geschäftigkeit neben Faulenzerei, Geizen neben Verschwenden. Es verdient Erwähnung, daß selten einer der europäischen Angestellten die Regierung aufrichtig lobt. Wenn einige unbestritten vom edeln Triebe zu Vermehrung der Kenntnisse in Künsten und Wissenschaften geleitet werden, womit sie einmal ihrem Vaterlande zu nützen hoffen; so verrichten dagegen die meisten ihre Geschäfte nicht aus Liebe zum Fortschritte auf dem geistigen Gebiete, sondern aus Liebe zu einer guten Bezahlung, nicht aus Liebe zur Regierung, sondern aus Liebe zu Ehr und Ansehen, zu einem bequemen und üppigen Leben vor einer reich besetzten Tafel, bei Weibern und auf der Jagd. Hat einmal der Mensch seine sittliche Spannkraft verloren, so bleibt er bloß noch ein sieches Schattengewächs. Ich kann nicht aussprechen, wie sehr mein Herz beklommen ward, wenn ich dem kalten, lahmen, maschinenmäßigen, selbstsüchtigen Gange der Regierung zusah.

So viel als allgemeine Bemerkungen über die egyptische Regierung. Sie sind kurz, wie die Prüfungszeit selbst war.