Elise ihrerseits hielt das Verhalten ihrer Nachbarinnen für Hochmut. Sie hatte sich schon von Anfang an nicht aufgedrungen und wollte das auch ferner nicht tun, obwohl sie sich eine Zeitlang in dem Gedanken gefallen hatte, etwas beitragen zu können zur Verbesserung des harten Loses vieler Frauen von D.
Die einzige Person, welche die Bestrebungen der Unterländerliese nicht verkannte, sie vielmehr zu unterstützen trachtete, war der Pfarrer. Er war in der Gegend aufgewachsen und kannte die Verhältnisse genau. Die sozialen Uebelstände, die nach und nach in der Talschaft eingerissen, hatte er mit schwerem Herzen bemerkt, war aber unfähig, ihnen zu steuern, da es ihm an tatkräftiger Hilfe mangelte. Es war ihm deshalb sehr willkommen, als er das schöne Familienleben im Müllerschen Hause bemerkte, und er sagte sich gleich, daß ein solches Beispiel nicht ohne wohltätigen Einfluß bleiben könne. Als ihm Elise nun klagte, wie alle Nachbarinnen sich voll Hochmut von ihr abgewandt und ihre guten Absichten mißdeutet haben, da lächelte er nur und meinte, das werde schon wieder anders werden. Ein wenig sei sie vielleicht auch selbst schuld, weil sie den hier herrschenden Verhältnissen zu wenig Rechnung getragen habe. Es gehe nicht an, die hiesigen Frauen auf einmal zu Unterländerinnen umformen zu wollen. Um Besserung erzielen zu können, müsse man die Ursachen kennen, aus welchen die ungünstigen Zustände entsprungen seien. Indem man dann durch gutes Beispiel zeige, daß diesen mit Erfolg entgegengetreten werden könne, werde man Frauen und Männer für durchgreifende Reformen gewinnen. Er möchte ihr den Rat geben, mit allen Leuten freundlich zu sein, ihren Nachbarinnen gegenüber nicht als Besserwisserin und Lehrmeisterin aufzutreten, und namentlich das Unterland als Beispiel ganz aus dem Spiel zu lassen. Die Verhältnisse seien dort zu verschieden im Vergleich zu den hiesigen. Die Landwirtschaft leide unter der großen Güterzerstückelung, dem allgemeinen Weidgang und andern ungünstigen Einflüssen, von denen man im Unterland nichts wisse derart, daß es nur zu natürlich sei, wenn andere sich bietende Erwerbsquellen bereitwillig ausgebeutet werden. Die landwirtschaftliche Lage sei zwar nicht derart, daß keine Besserung mehr zu hoffen sei, im Gegenteil, es zeige sich schon Tendenz zu einer solchen; aber es brauche Zeit und Geduld und Männer, die sich mit ganzer Kraft der Sache widmen. Vor allen Dingen gelte es, die Leute so gut als möglich an die Heimat zu fesseln, und das geschehe am besten durch die Bande der Familie. Hier müsse man vor allen Dingen veredelnd eingreifen, und hier rechne er auch am meisten auf Elisens Hilfe.
Martin hatte vollauf zu tun. Große Unternehmungen waren es vorderhand freilich nicht, mit denen er sich beschäftigte; denn es waren meist nur kleinere Reparaturen, mit denen man ihn betraute, und die man vielfach aufgeschoben hatte, um sie von Martin ausführen zu lassen, weil in D. vorher kein Zimmermann ansässig war. Es waren das alles Arbeiten, die kein großes Betriebskapital erforderten und doch einen sichern Verdienst abwarfen. Das war ganz im Sinne Martins; denn er wollte nur nach und nach sein Geschäft vergrößern.
Zufrieden und vergnügt ging er seiner Arbeit nach. Die Sonntage und die nun immer länger werdenden Abende verbrachte er in seiner Familie. Schon hie und da hatten alte Freunde versucht, ihn in diese oder jene Gesellschaft hineinzuziehen, ihn zu einem Kegelabend einzuladen, zu einem gemütlichen Jaß aufzufordern oder sonst, eine Gelegenheit vorschützend, ihn ins Wirtshaus zu ziehen; freundlich aber entschieden lehnte er jedesmal ab. Viele sahen in ihm deshalb einen erbärmlichen Pantoffelhelden, der nach der Pfeife seiner Frau tanzen müsse. Weil sie keinen Sinn hatten für das Glück einer stillen Häuslichkeit und eines durch nichts getrübten Familienlebens, hielten sie die Anhänglichkeit Martins an seine Familie für eine nicht ganz freiwillige, und während ihn einige bemitleideten, meinten andere, es geschehe ihm ganz recht; warum habe er diese Unterländerin geheiratet, er hätte eine aus der Talschaft nehmen können, dann hätte er nicht nötig gehabt, innerhalb seiner vier Wände Trübsal blasen zu müssen.
Martin, dem natürlich solches Gerede auch zu Ohren kam, lächelte nur darüber; ihm war es gleichgültig, was andere Leute in dieser Beziehung über ihn dachten. Nur als es einmal einer wagte, sich ihm gegenüber direkt mißbilligend über Elise zu äußern, indem er sagte: »Es schaut gewiß nichts dabei heraus, wenn in einer Familie, die nicht reich ist, die Frau nichts als putzt und wascht, sich und die Kinder stets in frische Kleider steckt, die doch schnell wieder schmutzig werden. Das ist gut für Herrenleute, die Geld genug haben, aber für einen gewöhnlichen Handwerker oder Bauer paßt das nicht; ich wenigstens möchte es mit so einer Frau nicht machen; ich wüßte nicht, wo Geld genug auftreiben, wenn mein Weib, statt auf dem Feld und im Stall zu arbeiten, nur immer ans Kochen, Putzen und Waschen denken würde, wie es die Liese tut.« Da konnte er sich denn nicht enthalten, dem Manne ziemlich aufgebracht zu erwidern.
»Du denkst wahrscheinlich nicht daran,« hub Martin seine Entgegnung an, »daß Du da meiner Liese die größte Lobrede gehalten hast; denn ich bin ihr z. B. sehr dankbar, daß sie auf Reinlichkeit bei den Kindern hält; ist es doch mein Stolz, daß sie so gut geraten; nichts trägt mehr zum Verderbnis von Leib und Seele bei, als Schmutz und Unreinlichkeit. Gerade so ist es mit dem Schmutz auf den Böden und an den Fenstern; denn wo derselbe auf den Geräten liegen bleibt, bleibt er auch gerne im Herzen und in den Gedanken liegen; und Du so wenig wie ich, hast je durch eine schmutzige Scheibe ein fröhliches Gesicht schauen sehen. Daß mein Weib vollends keine Lumpen aufkommen läßt, däucht mir gerade das schönste an ihr; denn ich weiß nicht, ob lumpige Menschen lumpige Kleider machen oder lumpige Kleider lumpige Menschen; eines aber ist gewiß, daß sie stets bei einander sind. Deine Kathrine ist eine fleißige und brave Frau, der man gewiß nichts nachsagen kann; aber bedauert habe ich sie schon oft, wenn ich sie schon am morgen in aller Frühe im Stall und auf dem Miststock hantieren sah, während Du gemütlich drüben in der Post Deinen Schnaps trankst. Und dann, was meinst Du? Wie viel Seife und Bürsten ließen sich bezahlen aus dem Gelde, das Du abends und Sonntags bei Spiel und Wein verbrauchst? das würde noch so weit reichen, daß Du Dir eine Häuslichkeit schaffen könntest, in der es Dir weit besser als in der dumpfen Wirtsstube gefallen würde. Schau! wenn ich an den Feierabend denke, da geht mir meine oft schwere Arbeit nochmal so gut aus den Händen. Komme ich heim, so wartet meiner ein, wenn auch einfaches, so doch kräftiges und schmackhaftes Essen. Während mir mein kleiner Hans die Pantoffeln bringt, holt der Franz Pfeife und Tabak, die Zeitung liegt schon parat, und wenn ich so rauchend, plaudernd oder lesend im gut durchlüfteten und erwärmten Zimmer, im Kreise meiner Familie, von des Tages Mühen ausruhe, so danke ich jedesmal im Stillen meiner Liese, daß sie es versteht, mir ein Heim zu bieten, mit dem kein Wirtshaus der Welt den Vergleich aushalten kann.«
Der auf diese Weise von Martin Zurechtgewiesene wagte nichts mehr zu entgegnen und schlich sich wie ein begossener Pudel von dannen, innerlich denkend, daß der Zimmermann eigentlich recht habe, und daß es einen Versuch wert sei, die erhaltenen Ermahnungen sich nicht nur zu Herzen zu nehmen, sondern sie auch zu befolgen.
Mit den Arbeiten, die Martin ausführte, war man allgemein zufrieden. Es konnte eben leicht wahrgenommen werden, daß er wußte, als Handwerker nicht nur das Anrecht auf den Taglohn zu haben, sondern daß ihm auch die Pflicht zukam, etwas vollwertiges dafür zu leisten. Alle Arbeit ging ihm rasch aus den Fingern, wobei aber auch beim Kleinsten auf Genauigkeit und Dauerhaftigkeit gesehen wurde. So wurde Martin mit Aufträgen überhäuft, trotzdem er einen höheren Lohn verlangte, als mancher der andern Zimmerleute, mit denen man sich bis jetzt hatte behelfen müssen.
Weil Martin sich nur selten einmal im Wirtshaus blicken ließ, so waren diejenigen, welche einen Auftrag für ihn hatten oder in irgend einer Angelegenheit etwas mit ihm besprechen sollten, genötigt, ihn zu Hause aufzusuchen. So kam es nun immer mehr vor, daß am Abend oder an Sonntagen Leute im Müllerschen Hause vorsprachen. Merkwürdig war es dabei, zu beobachten, wie mancher, der nur das Geschäftliche schnell abtun wollte, um sich dann gleich wieder zu entfernen und vor Eile kaum die Türklinke aus der Hand ließ, der freundlichen Einladung zum Sitzen nicht widerstehen konnte und dann oft für mehrere Stunden nicht ans Fortgehen dachte. Das bewirkte der eigenartige Zauber, der von der Häuslichkeit Martins ausging, das freundliche Wesen Elisens und die ernsten und heiteren Gespräche Martins, der ein guter Gesellschafter war und mancherlei zu erzählen wußte.
Es läßt sich leicht begreifen, daß da mancher sozusagen gezwungen wurde, einen Vergleich anzustellen zwischen den anheimelnden, traulichen Verhältnissen in der Familie und in dem Heim Martins und denjenigen, die in seinem Hause herrschten. Andere konnten es zuerst absolut nicht begreifen, wie sie es, ohne die mindeste Langeweile empfunden zu haben, einen ganzen Abend oder Sonntag-Nachmittag haben aushalten können, in Martins Stube zu sitzen, ohne Karten und ohne Bier und Wein. Der eine oder andere merkte es dann vielleicht, daß er das auch in seiner Stube könnte, wenn es dort so behaglich wäre, wie bei Martin, und nahm sich dann wohl vor, einmal zu probieren, ob sich nicht in seinem Haushalt hie und da etwas ändern ließe. Sei dem wie ihm wolle; Tatsache ist, daß nach und nach mancher gestrenge Eheherr, der noch vor wenigen Wochen seiner Frau Vorwürfe machen wollte, wenn sie der Unterländerliese etwas nachmachen wollte, geradezu befahl, künftig mehr im Hause zu arbeiten und nachzusehen, daß es dort eine bessere Ordnung gebe, dabei aus freien Stücken von der Stallarbeit etwas mehr übernahm und manchmal sogar am Abend zu Hause blieb und mit der Frau einen Jaß machte, statt mit den alten Freunden drüben im Wirtshaus.