Johannes indessen war von ganz andern Anschauungen beseelt; er fand durch seine Beobachtungen und Erkundigungen gar bald heraus, daß Marie in reichem Maße gerade diejenigen Eigenschaften besaß, die nach seiner Ansicht eine gute Bäuerin haben müsse. Daß sie arm sei, war in seinen Augen kein Grund, der ihn bewegen konnte, vor einer Heirat mit ihr zurückzuschrecken.

Der geneigte Leser hat unsern Johannes bereits als einen Mann kennen gelernt, der zwar alles reiflich überlegte, aber das als gut und richtig erkannte dann auch mit zäher Energie in Angriff nahm und durchführte. So handelte er auch in dieser Heiratsangelegenheit. Sobald er mit sich darüber im reinen war, daß er das Mädchen liebe und sie für ihn passe, so suchte er zu erfahren, wie es selbst in dieser wichtigen Angelegenheit denke; denn alles hing ja schließlich doch davon ab, ob Marie auch wirklich einwilligte, seine Frau zu werden. Er nahm sich also vor, bei nächster Gelegenheit mit ihr zu reden und ihr seine Hand anzubieten.

Eine solche Gelegenheit fand sich bald. Als er an einem der nächsten Tage bei seinem Nachbar vorbeiging, fand er Marie allein im Garten beschäftigt. Er trat zu ihr hinein und teilte ihr ohne Umschweife den Zweck seines Kommens mit. Er sagte ihr, wie sie schon bei der ersten Begegnung Eindruck auf ihn gemacht habe, und was er seither von ihr erfahren und an ihr beobachtet habe, sei dazu angetan gewesen, ihm Liebe und Achtung zu ihr einzuflößen. Er hoffe, daß auch sie ihn lieben lerne, und wenn sich diese Hoffnung erfülle, so wäre es sein sehnlichster Wunsch, daß sie seine Frau werde.

Man kann sich denken, daß Marie erstaunt war ob diesem unvermittelten Antrag. Sie sagte denn auch weder ja noch nein, sondern gab einfach zur Antwort, daß sie sich geehrt fühle durch das Anerbieten des Herrn Verwalters, aber sie habe bis jetzt noch gar nicht ans Heiraten gedacht, und eine solch hochwichtige Sache wolle gehörig überlegt sein. Auch müsse sie mit ihren Meistersleuten sprechen; denn weil sie ja keine Eltern und nahe Verwandte mehr habe, so seien das ihre einzigen Berater.

Johannes mußte einsehen, daß das Mädchen recht habe, er versprach, geduldig warten zu wollen und sich in einigen Tagen den Entscheid zu holen.

Als Marie wieder allein war, wollte es mit der Arbeit nicht mehr recht vorwärts; immer mußte sie an das Ereignis denken, das sie so unerwartet traf, und je mehr sie darüber nachgrübelte, wie sie sich nun verhalten solle, desto verwirrter wurde sie. Zwei Stimmen in ihrem Innern stritten um den Entscheid. Die eine sagte ihr, es sei ein großes Glück, daß sie als arme Waise für würdig befunden werde, einem so tüchtigen Manne, wie Herr Wachter, die Hand zur ehelichen Verbindung zu reichen, und daß es eine große Torheit genannt werden müßte, wollte sie ein solches Anerbieten von der Hand weisen, das anzunehmen manche reiche Bauerntochter sich keinen Augenblick besinnen würde. Die andere Stimme hingegen riet ihr, die Sache von der andern Seite zu betrachten und zu untersuchen, ob vielleicht nicht doch – trotzdem sie arm sei – Johannes bei seinem Antrag von eigennützigen Bestrebungen geleitet worden sei. Könnte er nicht am Ende auf ihre Arbeitskraft spekuliert haben, denkend, daß sie ihm eine Magd ersparen würde? Und könnte nicht gerade ihre Armut später der Anstoß zu allerlei Unzufriedenheiten werden? Alles dieses und noch mehr des Unangenehmen könne ja sehr leicht hervorgehen, wo so ungleiche Verhältnisse sich zusammenfinden, wie das ja tatsächlich bei ihr und Johannes der Fall sei. Ungetrübtes Eheglück könne jedenfalls aus einer solchen Verbindung nur dann hervorgehen, wenn die Ungleichheiten ausgeebnet werden durch eine wahre, uneigennützige Liebe. Aber liebte sie denn Johannes? Bis jetzt hatte sie ihn ja kaum gekannt, also konnte vorerst noch von Liebe nicht die Rede sein. Sie glaubte zwar, daß sie ihn lieben lernen könne, den schönen stattlichen Mann mit dem ernsten und doch sanften Blick, den sie schon so oft als das Muster eines tüchtigen Landwirtes hatte erwähnen hören. Wenigstens hatte sie eine hohe Achtung vor demselben, und das konnte immerhin der Anfang von der Liebe sein.

So von streitenden Gefühlen erfüllt, in tiefes Nachsinnen versunken auf die Hacke gelehnt, sah sie sich auf einmal von der Bäuerin ertappt, die unvermerkt zu ihr in den Garten getreten war.

Diese merkte gleich an der Verwirrung und an dem tiefen Erröten der Magd, daß etwas besonderes vorgefallen sein müsse, und auf ihre Frage erzählte denn auch Marie die ganze Begebenheit, sie zugleich um ihren Rat bittend in der für ihre Zukunft so wichtigen Angelegenheit.

Nun war das Erstaunen auf seite der Meisterin, und das erste, was ihr bei der Erzählung Maries durch den Kopf fuhr, war der egoistische Gedanke, ihre treue Magd verlieren zu müssen. Doch sprach sie diesen Gedanken nicht aus; denn die angeborene Gutmütigkeit und ihr Wohlwollen gegen Marie siegten schnell über den anfangs sich regenden Eigennutz. Ein wenig machte sich auch der Stolz bei ihr geltend in dem Gedanken, selbst am meisten dazu beigetragen zu haben, daß Marie das geworden war, was sie heute so begehrenswert erscheinen ließ.

»Liebes Kind,« sprach sie, »Du weißt, daß ich stets wie eine Mutter an Dir gehandelt und auch in dieser Sache gewiß nur Dein Bestes im Auge habe. So wirst Du es also auch nicht als eine leere Redensart betrachten, wenn ich Dir sage, daß Dir durch den Antrag des Herrn Verwalters ein Glück widerfahren ist, das Du nicht von der Hand weisen solltest. Deine Zweifel, die Du mir gegenüber geäußert hast, kann ich nicht gelten lassen. Es freut mich zwar, daß Du Dich nicht kopfüber, ohne zu überlegen, in die Ehe stürzen willst, aber gar zu bescheiden brauchst Du auch nicht zu sein. Wenn Du auch kein Barvermögen besitzest, so fallen dagegen andere Deiner Eigenschaften umso mehr in die Wagschale. Deine Treue, Deine Arbeitslust, Dein Sinn für Ordnung und Reinlichkeit und Dein munteres Wesen gelten in den Augen des Herrn Verwalters mehr als Geld und Gut und gerade das Vorhandensein dieser Wertschätzung solcher Eigenschaften bietet die beste Gewähr für Euer zukünftiges Glück. Mein Rat geht also dahin, Deine Zweifel niederzuschlagen und den Antrag anzunehmen, und ich glaube bestimmt, daß es Euch beiden so gut gehen wird, wie Ihr es in der Tat verdient. Mit meinem Glückwunsch will ich aber gleich eine Mahnung für Dich verbinden, die Du nicht vergessen darfst, sie lautet: Werde nicht stolz. Die Bescheidenheit, die als Magd Dich zierte, behalte bei auch als Frau Verwalter; nichts steht einer Bauersfrau, ob sie so oder anders tituliert werde, weniger gut an als der Stolz. Schaue nie mit Ueberhebung auf Deine Untergebenen herab, dann wirst Du von ihnen gerade so geachtet werden, wie der Herr Verwalter heute geliebt und geschätzt wird von seinen Dienstboten, in deren Mitte er einst selbst gedient hatte. Bedenke auch, daß es Deine Pflicht sei, namentlich auf jüngere Leute erzieherisch einzuwirken, ihnen mit dem guten Beispiel voranzugehen und sie so zu brauchbaren, braven Dienstboten zu machen. Es ist meine feste Ueberzeugung, daß der Mangel an guten landwirtschaftlichen Arbeitskräften nicht zum wenigsten daher rührt, daß keine solchen erzogen werden. Das, liebe Marie, sind einstweilen diejenigen Ratschläge, die ich Dir geben möchte, falls Du das Anerbieten annimmst und Frau Verwalterin wirst.«