DER ERHABENE SPRACH
Entsagen sowie Übung auch der Tat, sie bringen beide Heil,2
Doch höher als Entsagung noch wird die Übung der Tat geschätzt.
Das ist der stets Entsagende, der nichts hasset und nichts sich wünscht,3
Denn von den Gegensätzen frei[92], kommt leicht er von der Fessel los.
Denken und Andacht[93] scheiden nur die Toren, doch die Weisen nicht;4
Wer ganz sich nur dem Einen weiht, erlanget aller beider Frucht.
Durch Denken und durch Andacht wird derselbe Standpunkt doch erreicht;5
Denken und Andacht sind nur Eins, – wer das erkennt, hat recht erkannt.
Doch Entsagung, Großarmiger, wird ohne Andacht[94] schwer erreicht;6
Der Weise, der in Andacht lebt, erreichet auch die Gottheit[95] bald.
Der Andacht lebend, reingesinnt, bezähmend Geist und Sinne ganz,7
Mit aller Wesen Seele eins, – wird er, auch handelnd, nicht befleckt.
„Ich tu doch nichts!“ so denken darf der fromme, wahrheitskund'ge Mann,8
Ob er auch sieht, hört, fühlt und riecht, ob er auch ißt, geht, atmet, schläft;
Ob er auch spricht, entleert, ergreift, die Augen öffnet oder schließt,9
Er weiß: die Sinne müssen sich bewegen in der Sinnenwelt.
Wer handelt ohne jeden Hang und all sein Tun der Gottheit weiht,10
Wird durch das Böse nicht befleckt, wie's Lotusblatt durch's Wasser nicht.
Mit ihrem Leib, Sinn und Verstand, und mit den Sinnen ganz allein,11
Tun die Andächt'gen jede Tat, ganz ohne Hang – um rein zu sein.
Wer fromm aufgibt die Frucht der Tat, erlangt die höchste Seelenruh,12
Wer unfromm hängt an dem Erfolg, wird durch begehrlich Tun verstrickt.
Bewußt aufgebend alles Tun, sein selber Herr, sitzt glücklich da13
In der neuntor'gen Stadt[96] der Geist, nichts tuend, nichts veranlassend.
Nicht Täterschaft, noch Taten auch schafft Er, der Herrscher dieser Welt,14
Noch den Kontakt von Tat und Frucht, – da waltet vielmehr die Natur.
Nicht irgend Jemands böse noch auch gute Tat nimmt an der Herr[97], –15
Das Wissen liegt in Finsternis, und dadurch wird der Mensch betört.
Doch wem Unwissenheit zerstört durch Erkenntnis des Atman ist,16
Deß Wissen läßt der Sonne gleich helleuchtend schaun das höchste Heil.
Dies kennend, mit ihm wesensgleich, ruhend auf ihm, ergeben ihm,17
Geht man und kommt nicht wieder her, durch Wissen frei von aller Schuld.
Ein Priester, welcher weis' und fromm, ein Elephant und eine Kuh,18
Ein Hund, ein Hundeesser selbst – dem Weisen sind sie alle gleich.
Die haben hier den Himmel schon[98], die ganz gleichmütig sind gestimmt;19
Sündlos, gleichmütig Brahman ist, darum in Brahman ruhen sie.
Nicht freut er über Liebes sich, erschricket vor Unliebem nicht,20
Wer starken Geistes, unbetört, das Brahman kennt und ruht in ihm.
Nicht hängend an der Außenwelt, findet er in sich selbst das Glück;21
Wer andachtsvoll nach Brahman strebt, erlangt ein unvergänglich Glück.
Denn der Genuß der Außenwelt trägt schon in sich des Schmerzes Keim,22
Wie er entsteht, vergeht er auch – der Weise freut daran sich nicht.
Wer, eh er sich vom Körper löst, den Gier- und Zorn-gebornen Drang23
Zu bezwingen imstande ist, der Mann ist fromm und glücklich der.
Wer in sich selbst beglückt, selig, von innrem Licht erleuchtet ist,24
Der Fromme wird zum Brahman selbst und wird im Brahman ganz verwehn.
Im Brahman ganz verwehen sie, die Weisen, die, von Sünden rein,25
Sich zügelnd, frei von allem Streit, an aller Wesen Heil sich freun.
Asketen, die den Sinn bezähmt, von Gier und Zorn sich ganz befreit,26
Des Atman Wesen kennen, die sind dem Verwehn in Brahman nah.
Sich lösend von der Außenwelt, starr auf die Nasenwurzel schau'nd,27
Den Hauch und Aushauch regelnd gleich, die durch der Nase Innres gehn;
Zügelnd die Sinne, Herz und Geist, ganz der Erlösung zugewandt,28
Befreit von Wünschen, Furcht und Zorn, – so ist für immer er erlöst.
Mich kennend als den Herrn der Welt, dem Opfer und Askese gilt,29
Der aller Wesen wahrer Freund, gelangt zum Seelenfrieden er.
[SECHSTER GESANG]
DER ERHABENE SPRACH
Wer, nicht auf Tatenfrucht bedacht, die pflichtgemäße Tat vollbringt,1
Ist entsagungs- und andachtsreich[99], nicht wer feuer- und tatenlos[100].
Was man Entsagung nennt, das ist Andacht – wisse, o Pându-Sohn!2
Denn wer den Wünschen nicht entsagt, der kann auch nicht andächtig sein.
Der Weise, der nach Andacht strebt, dem ist die Tat sein Element,3
Doch wer die Andacht hat erreicht, deß Element ist Seelenruh.
Wer an sinnlichen Dingen nicht, noch an den Taten irgend hängt,4
Und allen Wünschen hat entsagt, der hat die Andacht, heißt's, erreicht.
Man bring' sein Selbst durch's Selbst empor, nicht bring' herunter man das Selbst!5
Das Selbst ist ja sein eigner Freund, das Selbst ist auch sein eigner Feind.
Dem ist das Selbst sein eigner Freund, der durch das Selbst das Selbst besiegt;6
Doch kämpft es mit der Außenwelt, dann wird das Selbst sich selbst zum Feind.
Wer sich bezwang und ruhig ward, in dem wohnt still der höchste Geist,7
In Kält' und Hitze, Lust und Leid, in Ehren und in Schanden auch.
In der Erkenntnis voll beglückt, gipfelhoch stehend, sinnbezähmt,8
Andächtig heißt der Yogin dann, wenn Erdkloß, Stein und Gold ihm gleich.
Wer gegen Freund und Widerpart, Gleichgült'ge, Feind' und Sippen auch,9
Gegen Gute wie Böse auch gleichgesinnt ist, der ragt empor.
Der Yogin soll beständig sich abmühen in der Einsamkeit,10
Allein, bezähmend Sinn und Selbst, nichts hoffend, des Besitzes bar.
An reinem Ort sich hinstellend einen sicher stehenden Sitz,11
Nicht allzu hoch, zu niedrig nicht, darauf ein Kleid, Fell, Kuça-Gras;
Den Geist auf einen Punkt richtend, zügelnd Denken, Sinne und Tun,12
Sich setzend auf den Sitz üb' er Andacht, zur Rein'gung seiner selbst.
Gleichmäßig Körper, Nacken, Haupt unbewegt haltend, bleib' er fest,13
Schauend auf seine Nasenspitz' – nicht blick' er hier- und dorthin aus.
Ruhigen Selbstes, frei von Furcht, der Keuschheitsregel untertan,14
Den Sinn zügelnd, an mich denkend, andächtig sitz' er, mir geweiht.
Sein Selbst beständig rüstend so, andächtig, mit bezähmtem Geist,15
Geht er zu meinem Frieden ein, deß höchstes Ziel Nirvâna ist.
Wer zuviel ißt, kennt Andacht nicht, noch der, der ganz und gar nicht ißt;16
Nicht wer zu sehr verschlafen ist, noch wer stets wacht, o Arjuna.
Wer mäßig ißt und sich erholt, mäßig wirket in Handlungen,17
Mäßig im Schlaf und Wachen ist, hat Andacht, die den Schmerz zerstört.
Bei wem das Denken ganz bezähmt stille verharret in dem Selbst,18
Wenn von Begierden er ganz frei, dann wird er andächtig genannt.
Wie die Lampe, vom Wind geschützt, nimmer flackert, – dies Gleichnis gilt19
Vom Yogin, der sein Denken zähmt und Andacht übet an dem Selbst.
Wo das Denken zur Ruhe kommt, durch Andachtsübung eingedämmt,20
Und wo man, mit dem Selbst das Selbst schauend, sich an dem Selbst erfreut;
Wo man das grenzenlose Glück, dem Geist faßbar, den Sinnen nicht,21
Kennend und fest darin stehend sich von der Wahrheit nicht bewegt;
Und hat man den Gewinn erlangt, ihn über jeden andern schätzt[101],22
In dem verharrend man vom Schmerz, auch schwerem, nicht mehr wird bewegt;
Solche Lösung vom Schmerzverein, wisse, die wird Andacht genannt;23
Die Andacht üb' entschlossen man, und werde ihrer nimmer satt.
Begierden, die der Wunsch erzeugt, aufgebend all ohn' Unterschied,24
Die Schar der Sinne mit Vernunft im Zaume haltend allerwärts;
Werd' langsam, langsam ruhig man, und mit standhaft gewordnem Geist,25
Versenke man sich in das Selbst und denke an nichts Andres mehr.
Wo immer nur ausbrechen will der schwankende, unstäte Sinn,26
Da soll man bänd'gen ihn in sich und zum Gehorsam bringen ihn.
Denn den Andächt'gen, dessen Sinn beruhigt ist, wird höchstes Glück27
Erfüllen, – leidenschaftgestillt, Brahman-geworden, ist er rein.
Sein Selbst beständig übend so, wird der Andächt'ge, sündenfrei,28
Erlangen unbegrenztes Glück, wo er mit Brahman sich berührt.
Sich selbst in allen Wesen sieht und alle Wesen auch in sich,29
Wer so sein Selbst in Andacht übt und Alles schaut gleichmütig an.
Wer mich allüberall erblickt und Alles auch in mir erblickt,30
Dem kann niemals entschwinden ich, und er entschwindet niemals mir.
Wer mich in allen Wesen ehrt, der Einheitslehre huldigend,31
Der, wie er immer sich bewegt, bewegt sich andachtsvoll in mir.
Wer nach Analogie des Selbst allüberall das Gleiche sieht,32
Ob es nun Lust sei oder Leid, steht in der Andacht obenan.
ARJUNA SPRACH
Die Andacht, welche so von dir samt dem Gleichmut verkündet ist,33
Sie hat – ich seh' es – nicht Bestand, denn schwankend ist einmal der Mensch.
Es schwankt der innre Sinn, Krishna, ist ungestüm, gewaltsam, hart;34
Zu zügeln ihn acht' ich so schwer als wie des Windes Zügelung.
DER ERHABENE SPRACH
Gewiß, Großarmiger, der Sinn ist schwer zu zügeln, schwankend auch,35
Doch, Kuntî-Sohn, durch Anstrengung und Entsagung zwinget man ihn.
Wer sich nicht zähmt, der kann nur schwer Andacht erreichen – denk' ich mir –36
Wer sich bezwang und wer sich müht, kann solcherart erreichen sie.