ARJUNA SPRACH
Was ist das Brahman? und was ist das höchste Selbst? was ist das Werk?1
Was ist's, das ob den Wesen all und über allen Göttern steht?
Wie und wer kann in diesem Leib schon über allen Opfern stehn?2
Und in der Todesstunde, wie erkennen die Bezähmten dich?
DER ERHABENE SPRACH
Brahman ist ew'ges, höchstes Sein, sein Wesen ist das höchste Selbst,3
Die Schöpfung, die den Ursprung all der Wesen wirkt, ist „Werk“ genannt.
Werden[106] über den Wesen steht, über den Göttern der Urgeist,4
„Über den Opfern“ – das bin ich, schon hier im Leib, du bester Mensch!
Wer in der Todesstunde mein gedenkend scheidet aus dem Leib,5
Der gehet in mein Wesen ein, darüber kann kein Zweifel sein.
An wessen Wesen immer er gedenkt, wenn er den Leib verläßt,6
In dessen Wesen geht er ein und paßt sich dessen Wesen an.
Zu allen Zeiten denke drum an mich allein und kämpfe frisch!7
In mich versenk' Sinn und Verstand, dann gehst du sicher ein in mich.
Wenn fleißig Andacht er geübt, nichts Andres in Gedanken sucht,8
Dann geht zum höchsten Urgeist ein, dem himmlischen, wer an ihn denkt.
Wer an den alten Weisen, den Regierer,9
Der feiner ist als fein, sich stets erinnert,
Den Schöpfer dieses Alls, der unausdenkbar,
Der sonnenfarbig, jenseit alles Dunkels, –
Wer festen Sinns im Tode sein gedenket,10
Hingebungsvoll und mit der Kraft der Andacht,
Den Lebensgeist zwischen den Brauen sammelnd,
Der geht zum höchsten Urgeist ein im Himmel.
Was Vedenkenner „unvergänglich“ nennen,11
Wohin die neigungsfreien Büßer kommen,
Wonach begehrend man in Keuschheit lebet,
Die Stätte will ich dir in Kürze schildern.
Des Körpers Tore schließend all, den Sinn im Herzen fest haltend,12
Den Lebensgeist im Kopf sammelnd, der strengen Andacht zugewandt;
Brahmans einsilbigen Namen „Om“! aussprechend und gedenkend mein –13
Wer so den Leib verlassend stirbt, der wandelt auf der höchsten Bahn.
Wer an nichts Andres jemals denkt und immerdar an mich gedenkt,14
Wer in beständ'ger Andacht lebt, der ist es, der mich leicht erlangt.
Die Edlen, die zu mir gelangt und die Vollendung so erreicht,15
Erleiden keine Neugeburt, wo Schmerz wohnt und Vergänglichkeit.
Die Welten, bis zu Brahmans Welt, bewahren nicht vor Neugeburt,16
Doch wer zu mir gekommen ist, für den gibt's keine Neugeburt.
Die, denen Brahmans Tag bekannt, der tausend Weltenalter währt, –17
Und Brahmans Nacht, die grad so lang, – die kennen wahrhaft Tag und Nacht.
Aus dem Unsichtbaren entspringt das Sichtbare, wann kommt der Tag, –18
Wann kommt die Nacht, dann löst sich's auf im Innern, das unsichtbar heißt.
Der Wesen Schar, die immer neu geworden ist, sie löst sich auf,19
Wann kommt die Nacht, – doch unbedingt ersteht sie neu, wann kommt der Tag.
Doch jenseit dieses Lebens gibt's ein andres, ewig, unsichtbar,20
Das, ob auch alle Wesen hier vergehen, selber nicht vergeht.
Unsichtbar, unvergänglich heißt's, man nennt es auch die höchste Bahn;21
Erreicht man's, kehrt man nicht zurück! sieh, das ist meine höchste Statt!
Der höchste Urgeist wird erlangt durch Liebe, die nichts Andres sucht, –22
Er, in dem alle Wesen sind, durch den die ganze Welt gemacht.
Wann aber zur Nichtwiederkehr der Fromme kommt, sobald er stirbt,23
Wann Wiederkehr sein Schicksal bleibt, das will ich nun verkünden dir:
Feuer, Licht, Tag, wachsender Mond, das Halbjahr, wo die Sonne hoch,24
Wenn dann ein Brahmankenner stirbt, dann geht er auch zu Brahman ein.
Rauch und Nacht und schwindender Mond, das Halbjahr, wo die Sonne tief,25
Da geht der Fromme zu dem Licht des Mondes und kehrt einst zurück.
Der helle und der dunkle Pfad, sie sind als ewige bekannt,26
Einer führt zur Nichtwiederkehr, auf dem andern kehrt man zurück[107].
Wer diese beiden Pfade kennt, der Fromme wird niemals betört,27
Zu allen Zeiten weihe dich der Andacht drum, o Arjuna!
Was für das Vedalesen, Opfern, Büßen28
Und Spenden auch als Tugendlohn verheißen,
Weit über das hinaus gelangt der Fromme,
Der dies erkennt, – er kommt zur höchsten Stätte!
[NEUNTER GESANG]
DER ERHABENE SPRACH
Nun will ich das Geheimste dir verkünden – hör mich willig an! –1
Wenn dieses Wissen du erlangt, dann wirst vom Übel du erlöst.
Königs-Wissen und -Geheimnis, das höchste Läutrungsmittel ist's,2
Deutlich faßbar, heilig, ewig, und doch zu üben kinderleicht.
Die Menschen, welche glaubenslos sich dieser Lehre nicht vertraun,3
Verfehlen mich, – sie kehren um auf des Todes, der Wandrung Bahn.
Durch mich ist ausgespannt dies All, die Welt – unsichtbar bin ich selbst –4
Die Wesen alle sind in mir, ich aber bin in ihnen nicht.
Und wied'rum sind sie nicht in mir – sieh mein, des Herrschers Wundermacht! –5
Mein Ich weilt in den Wesen nicht, doch trägt es sie und bildet sie.
Wie der Wind in dem leeren Raum allüberall beständig geht,6
So auch die Wesen allesamt weilen in mir – das fasse recht!
Die Wesen all beim Weltenend' gehn ein in meine Urnatur,7
Bricht dann ein neu Weltalter an, dann schaffe ich sie wieder neu.
Fußend auf meiner Urnatur schaff' ich sie neu und wieder neu,8
Die ganze Schar der Wesen hier, streng nach dem Willen der Natur.
Und all dies Tun und wieder Tun legt mir doch keine Fesseln an;9
Ganz gleichmütig bin ich dabei und häng' an diesen Taten nicht.
Ich wache drüber, – die Natur gebiert, was steht und was sich regt;10
Aus diesem Grund, o Kuntî-Sohn, bewegt sich weiter fort die Welt.
Die Toren nur mißachten mich in meiner menschlichen Gestalt,11
Sie kennen nicht mein höh'res Sein, den großen Herrn der Wesen all.
Eitles hoffend, Eitles wirkend, Eitles wissend, verstandberaubt,12
Halten sie an die trügende Natur böser Dämonen sich.
Die Edlen aber halten sich an meine göttliche Natur,13
Mich ehren sie und mich allein als ew'gen Urquell alles Seins.
Sie rühmen mich ohn' Unterlaß, streben zu mir hin fest und treu,14
Sie huld'gen in Verehrung mir und weihen sich der Andacht ganz.
Der Erkenntnis Opfer bringen Andre dar und verehren mich,15
Der ich All-Eins und vielfach doch gesondert überall hin schau' –
Ich bin das Opfer, Gottesdienst, der Manen Trank, das heil'ge Kraut,16
Das Opferlied, das Opferschmalz, das Feuer und die Spende ich!
Ich bin der Vater dieser Welt, bin Mutter, Schöpfer, Ahnherr auch,17
Bin Lehre, Läutrung, heilges Om, bin Rik, Sâman und Yajus auch[108].
Weg, Erhalter, Herrscher, Zeuge, Wohnort, Zuflucht und guter Freund,18
Ursprung, Vergehen, fester Stand, der Schatz, der ew'ge Same auch.
Die Wärme schaff' ich, Regen, Flut halt' ich zurück, laß' strömen ich,19
Ich bin Unsterblichkeit und Tod, bin Sein und Nichtsein, Arjuna!
Die vedenkund'gen frommen Somatrinker20
Sie streben opfernd nach der Bahn zum Himmel;
Wenn sie erlangt die reine Welt des Indra,
Genießen sie im Himmel Götterfreuden.
Wenn dort den großen Himmel sie genossen,21
Wenn ihr Verdienst erschöpft, gehn sie zur Erde;
So, die sich halten an der Veden Satzung,
Erlangen Gehn und Kommen, wunschbesessen.
Doch die nur mir Verehrung weihn und an nichts Andres denken mehr,22
Diesen ganz mir hingegebnen gewähr' die volle Wohlfahrt ich.
Auch die glaubensvoll ergeben andern Göttern Verehrung weihn,23
Selbst diese ehren doch nur mich, wenn auch nicht grade regelrecht.
Denn der Genießer und der Herr von allen Opfern bin nur ich;24
In Wahrheit kennen sie mich nicht, drum sinken wieder sie hinab[109].
Die sich Göttern und Vätern weihn, gehn zu Göttern und Vätern hin,25
Geisterdiener zu den Geistern; wer mich verehrt, der kommt zu mir.
Wer in Verehrung Blüt' und Blatt, Frucht und Wasser mir bietet dar,26
Solch Huld'gungsopfer frommen Sinns nehm' ich an und genieß' es auch.
Was du tust und was du issest, was du opferst und was du gibst,27
Wenn du büßest, Sohn der Kuntî, – dies Alles bringe du mir dar!
So wirst frei du von den Fesseln, die gut und böses Tun dir bringt,28
Ob du nun handelst oder nicht, erlöset gehst du ein zu mir.
Gleich bin zu allen Wesen ich, ich habe weder Feind noch Freund,29
Doch die liebend mich verehren, die sind in mir, in ihnen ich.
Ein großer Sünder selbst, wenn er mich verehrt und nur mich allein,30
Soll gelten als ein guter Mann, weil er sich recht entschieden hat.
Er wird gar bald ein frommer Mann und geht zu ew'gem Frieden ein!31
Erkenne dies, o Kuntî-Sohn – wer mich verehrt, geht nicht zugrund!
Wenn sie an mich nur halten sich – stammen sie auch aus schlechtem Schoß,32
Weiber, Vâiçyas und Çûdras selbst – sie wandeln doch die höchste Bahn.
Wie viel mehr reine Brahmanen und fromme Königsweisen auch!33
In diese nicht'ge, arge Welt hineingestellt, verehre mich!
An mich denkend, mich verehrend, mir opfernd, huld'ge mir allein!34
Gibst du in Andacht mir dich hin, dann gehst du einstmals ein zu mir.