Wenn er das Licht, das Streben auch und die Betörung, Pându-Sohn,22
Nicht haßt, wenn sie geworden sind, nicht wünscht, wenn sie geschwunden sind;
Wenn von den Qualitäten er, gleichmütig ganz, nicht wird bewegt,23
„Die Qualitäten wirken!“ denkt und stille steht, sich gar nicht rührt;
Gleich achtend Glück und Ungemach, gleich achtend Erdkloß, Stein und Gold,24
Was lieb und unlieb, – festen Sinns, gleich achtend Tadel wie auch Lob;
In Ehren wie in Schanden gleich, zu Freunden und zu Feinden gleich;25
Aufgebend all und jeden Plan, der ward der Qualitäten Herr.
Und wer mich fest und unverrückt in liebevoller Andacht ehrt,26
Besiegt der Qualitäten Reich und wird für Brahmans Wesen reif.
Ich bin des Brahman Fundament, des unsterblichen, ewigen,27
Des ewigen Gesetzes auch, des Glückes, das alleinzig ist.
[FÜNFZEHNTER GESANG]
DER ERHABENE SPRACH
Wurzelaufwärts, zweigeabwärts, so steht der ew'ge Feigenbaum,1
Dessen Blätter Veda-Lieder; den Veda kennt, wer diesen kennt.
Abwärts und aufwärts gehen dessen Zweige,2
Qualitäterwachsen, Sinnendinge sprossend;
Nach unten auch die Wurzeln sich verbreiten,
Die durch der Taten Band die Menschen fesseln.
Seine Gestalt erfaßt man nicht auf Erden,3
Nicht End' noch Anfang, noch des Baumes Dauer;
Wenn dieser Baum mit seinen mächt'gen Wurzeln
Durch der Entsagung hartes Schwert gefällt ist,
Dann muß man suchen jene höchste Stätte,4
Von der die Wandrer nimmer wiederkehren,
Denkend: Ich geh' zu jenem ersten Urgeist,
Von dem seit Alters alles Werden ausgeht.
Von Stolz und Torheit frei, Welthangbesieger,5
Im höchsten Selbst nur lebend, ohn' Begehren,
Befreit von Lust und Leid der Gegensätze,
Geht unbeirrt man so zur ew'gen Stätte.
Den Ort erhellt die Sonne nicht, der Mond nicht und das Feuer nicht;6
Von wo man nimmer wiederkehrt, ja, meine höchste Wohnstatt ist's.
Ein Teil von mir in dieser Welt als Einzelseele lang schon lebt,7
Die Sinne samt dem innern Sinn zieht er an sich aus der Natur.
Wenn er als Herr den Leib erlangt und wenn er wieder tritt hinaus,8
Die Sinne fassend geht er hin, gleichwie der Wind die Düfte faßt.
Gehör, Gesicht, Gefühl, Geschmack, Geruch, sowie den innern Sinn,9
Als Herr bemeisternd steht er da und genießet die Sinnenwelt.
Ob er hinaus geht oder bleibt und genießt, qualitätbegabt,10
Törichte Menschen sehn ihn nicht, des Wissens Aug' nur läßt ihn schaun.
Andächt'ge, die sich drum bemühn, die schaun ihn in dem eignen Selbst,11
Doch Toren, Unbereitete, ob sie sich mühn auch, sehn ihn nicht.
Der Glanz, der in der Sonne ist und diese ganze Welt erhellt,12
Der in dem Mond, im Feuer ist, das, wisse, ist mein eigner Glanz.
Eindringend in die Erde trag' die Wesen ich mit meiner Kraft,13
Die Pflanzen all laß ich gedeihn als Soma, der im Saft besteht.
Zum Feuer werdend dring' ich ein in der belebten Wesen Leib,14
Mit Hauch und Aushauch fest vereint koch' ich vierfache Speise dort[161].
In eines Jeden Herz bin ich gedrungen,15
Erinnrung, Wissen und Bestreiten wirk' ich,
Durch alle Veden bin ich zu erkennen,
Bin Vedenkenner, schaffe den Vedânta[162].
Zwei Arten Geist gibt's in der Welt, – einer vergeht, der andre nicht;16
Der erste sind die Wesen all, den andern nennt man „Gipfelhoch“.
Der höchste Geist ein andrer ist, er wird das höchste Selbst genannt,17
Er dringet in die Dreiwelt ein und trägt sie als der ew'ge Herr.
Weit mehr als der vergängliche, mehr als der unvergängliche18
Bin ich – drum heiß' ich in der Welt und in der Schrift der höchste Geist.
Wer von Betörung frei mich so erkennet als den höchsten Geist,19
Der weiß Alles und ehret mich von ganzem Herzen, Bhârata!
Geheimnisvollste Wissenschaft ist so von mir verkündet dir;20
Wer sie erfaßt, ist weisheitsvoll und hat, fürwahr, das Ziel erreicht.
[SECHZEHNTER GESANG]
DER ERHABENE SPRACH
Furchtlosigkeit, Wesensreinheit, in Wissensandacht Festigkeit,1
Spenden, Selbstbezähmung, Opfer, Studium, Buße und Redlichkeit;
Nichtschäd'gen, Wahrheit, Nichtzürnen, Nichtverleumden, Friede, Verzicht,2
Milde, Mitleid mit den Wesen, Scham, Nichtbegier, Nicht-Unstätsein;
Kraft, Reinheit, Festigkeit, Geduld, Nichtkränken, nicht hochmüt'ger Sinn,3
Die finden sich bei Einem, der zum Götterlos geboren ist.
Heuchelei und Stolz und Hochmut, ein rauhes Wesen, Zornigkeit,4
Nichtwissen auch – bei dem, der zu Dämonenlos geboren ist.
Götterlos führt zur Erlösung, Dämonenlos zur Fesselung!5
Nicht traure, denn zum Götterlos bist du geboren, Pându-Sohn!
Zwiefach ist hier der Wesen Art: teils göttlich, teils dämonisch auch;6
Die göttliche ist schon erklärt, nun hör' von der dämonischen.
Weder Handeln noch Nichthandeln verstehn dämonische Menschen recht;7
Guter Wandel, Reinheit, Wahrheit – die finden sich bei ihnen nicht.
Die Welt ist unwahr, ohne Halt und ohne Herrn, – so sagen sie;8
Nicht folgerecht entstand die Welt, Begierde nur rief sie hervor.
In diese Ansicht ganz verbohrt, törichten Sinnes und verderbt,9
Richten durch Freveltaten sie die Welt zugrund, – unsel'ges Volk!
Von unstillbarer Gier erfüllt, voll Trug und Stolz und Übermut,10
Töricht, böse Dinge wählend, führen ein schmutz'ges Leben sie.
Ihr Denken schweift ganz unbeschränkt, meint: mit dem Tod ist alles aus![163]11
Genießen ist ihr höchstes Gut! „Es gibt nichts weiter“, denken sie.
In hundert Hoffnungen verstrickt, der Gier verfallen und dem Zorn,12
Häufen sie, ihrer Lust zu lieb, sich unrechtmäßig Schätze auf.
Nun hab' ich dieses schon erlangt und jenen Wunsch erreich' ich noch,13
Dies hab' ich schon, und jener Schatz, der wird in Zukunft mir zuteil;
Dieser Feind ist schon getötet, die andern werd' ich töten noch,14
Ich bin Herr, ich bin Genießer, bin erfolgreich, glücklich und stark!
Ich bin reich, ich bin von Adel! welcher Andre ist mir wohl gleich?15
Opfern, schenken, froh sein will ich! so denken sie, verblendet ganz.
Wirr durch allerhand Gedanken, gefangen in des Irrtums Netz,16
Ergeben völlig dem Genuß, in schmutz'ge Hölle stürzen sie.
Selbst sich ehrend, aufgeblasen, voll Stolz, voll Hochmut auf ihr Geld,17
Bringen sie heuchelnd Opfer dar, die dieses Namens gar nicht wert.
Ichsucht, Gewalt, Begierde, Stolz und Zorn – dem sind ergeben sie;18
Mich hassen sie im eignen Leib wie auch in Andern, grimmerfüllt.
Diese Hasser, die greulichen, die schlechtsten Menschen in der Welt,19
Die argen, schleudr' ich fort und fort in dämonischen Mutterschoß.
Durch dämonischen Mutterschoß betört in jeglicher Geburt,20
Erreichen sie mich nimmermehr und wandeln so die tiefste Bahn.
Dreifältig ist das Höllentor, wodurch die Seele geht zugrund[164]:21
Begierde, Zorn und Habsucht sind's – darum laß fahren diese drei!
Befreit von diesen, Kuntî-Sohn, den drei Pforten der Finsternis,22
Wirket der Mensch sein Seelenheil und wandelt so die höchste Bahn.
Doch wer nach seiner Willkür lebt, nicht achtend heiliges Gesetz,23
Nicht erreicht die Vollendung der, nicht Glück und nicht die höchste Bahn.
Drum sei dir Richtschnur das Gesetz, bei der Feststellung deines Tuns.24
Weißt du, was das Gesetz bestimmt, dann kannst du deine Taten tun.