Also wurde das Peßachbuch ein Lieblingsbuch der Juden. Ein Kinderbuch in unserem Sinne konnte es nicht werden. Zunächst schon, weil sich zum Seder die ganze Familie versammelte und der Eifer und die Nachdenklichkeit auch der Erwachsenen angeregt werden mußte. Aber weit darüber aus: hatte denn das jüdische Kind eine rechte Kindheit? Es sah die Sorge frühe um sich und die Angst, die in den Ecken hockte. Die Liebe, die es betreute, erbebte zu oft nur im Fürchten. Seine Spiele wagten sich nicht ins Freie. Sie suchten nicht das Leben zu erfassen, mit kindlichen Händen zu begreifen; sondern hatten geheime Beziehungen zu einem Sein, das über allem Irdischen ist. Frühe schon kehrte sein Geist ein zur Weisheit der Ahnen; ging er auch nur zagend und in kindlicher Befangenheit in diesen stillen Gärten, so wußte er doch, daß sie seine Welt sein — mußten.

So war die Peßach-Hagadah ein Buch auch für dieses jüdische Kind; wert und lieb noch den Gereiften, die ihrer kindheitarmen Kindheit gerne dachten, mit seiner niedergehaltenen Natürlichkeit und seinem gesteigerten Intellektualismus. Ein Buch, in dem die verängstete, freiheitsehnende Seele sich im Spiegelbilde fand. Ein Buch, das sich dem Alltag entzog und — alljährlich nur für zwei Abende der dunklen Truhe entführt — in den Monaten aufgestapelt die Freude am Lichte, an Freiheit und leuchtenden Augen trug. So war es, daß eine fast zärtliche Liebe dieses Buch wie nie ein anderes jüdisches Buch umgab. Es wurde häufig abgeschrieben, und sinnende Künstler wußten mit goldigen Farben, mit kecken Buchstaben und zierlichen Bildern den Ernst der schweren Buchstaben ins Heitere zu schmücken. Fünfundzwanzig dieser illuminierten Handschriften-Hagadahs haben in unsere Tage die Kunde liebevoller Sorgfalt getragen. Sie stammen aus dem dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert, aus Spanien, Frankreich und Deutschland. Allein als schon die Druckerkunst die Demokratisierung des Buches begonnen hatte, starb die Freude an dem persönlichsten Besitz einer bemalten Handschrift nicht. Bis ins achtzehnte Jahrhundert blühten jüdische Meister dieser heiteren Kunst, und Aaron Schreiber Sterrlingen aus Gewitsch in Mähren war weit berühmt als Hagadahschreiber in den Landen. Auf schwerem Pergamente lebte die Geschichte vom Auszug aus Mizrajim. In langen Tagen und in Nächten erstand die Schrift; und Sinnen und Sorge, Segen und Versagung in den Schöpferstunden gruben sich in die Buchstaben ein. Bald liegen sie kauernd am Boden; bald streben sie empor, als wollten sie wie eine Jakobleiter der Enge des Irdischen entstreben. Noch ist der Buchstabe nicht zum Blei erstarrt. Getreulich folgt er Willen und Laune des Schöpfers. In den krausen, verschnörkelten Initialen spiegelt sich noch das verworrene Gewoge der Absichten, der Hoffnungen und Zagnisse, die jeden Gestalter im Anbeginn seiner Arbeit durchziehen. In den Zwischenstücken, die so scheinen wollen, als seien sie eine Erholung für den Leser, ruht der Sturm des Schaffens; und besonnen, nachdenklich wird die Linie der Zeichnung. Und wenn ein Stück zu Ende gebracht, tollt sich die Freude am gelungenen Werk in den Kapriolen der Phantastik aus. Die Lust am grotesken Buchstaben, der sich in Schlangenschwänzen, Giraffenhälsen, Karikaturenköpfen, in Blüten und Gezweige verliert, das Behagen an bizarren Schlußstücken und der sittliche Ernst, der Zwischenstücke formt — große Worte etwa, die wie Könige des Gedankens in Schloß und Burgen stehen oder sich in dichter Dornenhecke ungeweihtem Auge zu verbergen scheinen —: sie haben sich in allen handschriftlichen Hagadahs erprobt. In den Bilderbeilagen weichen sie indessen ab. Die älteste — zugleich das köstlichste Erbe jüdischer Künstlerschaft — die Hagadah von Serajewo bringt in enger Folge Bilder zur Genesis und zur Erzählung des Auszugs aus Ägypten. Die Illustration des eigentlichen Peßachrituale tritt hier zurück. Andere wieder schließen sich enger den Begebenheiten an, die im Peßach ihre ewige Wiederkehr feiern. Moses, sein wundersames Schicksal und seine Berufung werden der Mittelpunkt dieses eingeengten Bildkreises. Die Erzählungen von den vier Weisen, die zu B’ne-B’rak vom Peßach sprachen, bis daß der Morgen sie zum Gebete rief, die Typen der vier Fragenden, Rabban Gamliel, der die Festordnung schuf, werden im Bilde deutlich. Und Eliah sehen wir nahen, den ewigen Wanderer, der wie ein gütiger Tröster aus dem düstern Wirrsal der Gegenwart in den Frieden des Messias weist.

Wie sich die Formensprache des Zeichners aus dem Primitiven, über die Technik der Renaissance zum Realismus aufhellt, so prägt sich in der Auswahl der Motive die Stimmung der Zeiten aus. Dunkle Tage kommen, da der Haß die stachliche Peitsche schwingt. In den frühen Hagadahhandschriften, die stolze Herren aus romanischen Landen sich zeichnen ließen, herrscht das Bild, dem die Bibel den Vorwurf gibt. In den deutschen des späten Mittelalters will sich die Legende verkünden. Die große aristokratische Linie verläuft ins Volkstümliche, in die Träumereien des Gedrückten, in die Enge des Hauses. Die Helden und Starken — Simson, David — kommen in die Hagadah und — das Genrebild des häuslichen Lebens!

Der Weg dieser Entwicklung mündet in den Drucken und verliert seine letzte Spur im — Kliché. Von den 895 Ausgaben, die in den vier Jahrhunderten von 1500–1900 erschienen sind, tragen 194 bildnerischen Schmuck.

In den ersten Drucken, von denen uns Stücke erhalten sind, ringt noch ein echter, gottergebener Kunsttrieb. Der Druck vervielfältigte, demokratisierte das Buch. Aber der Meister saß in einsamer Klause, schnitt krause Gedanken, heilige und frohe Stimmung in seine Buchstaben und Stöcke; und die Phantasie des rechten Werkmannes machte das dürre Holz lebendig. Die Prager Hagadah von 1526 und die von Mantua aus dem Jahre 1560 sind köstliche Schöpfungen. Technisch gebunden an die Formen des deutschen Holzschnittes, motivisch geleitet durch die letzten illustrierten Handschriften-Hagadahs, ästhetisch erzogen durch die Renaissance finden sie den Weg zu persönlicher Gestaltung. Jede Seite hat ihr eigenes Leben. Ein naiver Kunstsinn verteilt den Raum. Die Zeilen sind ungleichmäßig, oft wie Blöcke aufgebaut, oft wie Terrassen ansteigend. Fruchtgirlanden rahmen die Seiten ein. Aber nicht in langweiliger Wiederholung. Stücke fallen aus, um einem Bildchen Platz zu geben; oder wuchtig rückt der Textwert vor. Mit den einfachsten Mitteln wird ergötzliche Mannigfaltigkeit erreicht. Die Bilder begleiten den Text; oft nur ein einziges Wort verdeutlichend. Die Legende drängt sich vor und das liturgische Element. Die Peßachfeier im Hause wird in realistischen Triptychen dargestellt. Und die Hasenjagd fehlt nicht. Sie war aus einem Merkwort entstanden: J. K. N. H. S. (Jajim, Kiddusch, Ner, Hawdalah, S’man): Jagnehas sprachen es die deutschen Juden. Und also kam die in der alten Kunst beliebte und symbolisch vielgedeutete Hasenjagd in die — Hagadah. Das kraftvolle Sch’foch chamathcha al hagojim — der Fluch gegen die Völker, die Gott nicht erkennen — erhält ein eigenes Schmuckblatt: Adam und Eva, Judith mit dem Haupte des Holofernes, Simson, der das Tor vom Tempel des Gottes Dagon trägt, und — Eliahu auf seinem müden Eselein. Die vier Fragenden stehen noch jeder für sich. Aber der Bösewicht trägt schon den Harnisch des Landsknechtes.

Es war nicht mehr die hohe Kunst und die volle Farbenpracht der illuminierten Handschriften. Aber es blieb doch ein Reichtum künstlerischer Gesichte und die Vielgestaltigkeit des Typographen.

Indes: Je weiter die Zeiten vorschritten, um so kunstloser, eintöniger wurden die Zeichnungen, bis sie im Morast der Erbärmlichkeit rettungslos stecken blieben. Es ist, als wäre mit dem Judentum auch der jüdische Gestaltertrieb in nicht mehr verstandener Überlieferung erstarrt —: war Peßach nur noch alter, geheiligter, anbefohlener Brauch, und war es nicht mehr das immer sich erneuernde Erlebnis der Befreiung?

Ist die Peßach-Hagadah tot? Und hat sie deshalb eine Geschichte? Oder will sich der große Tag verkünden, da Israel wieder hinaufzieht gen Jeruschalajim, zur Stadt des Herren, um dorten in fröhlichem Feste die Erlösung aus Mizrajim zu feiern, weil es in junger Seele die eigene Erlösung erlebt?