Beim „Karpas“ pflegt man im Orient und Okzident ein Sellerie- oder Petersilienblättchen in Essig zu tunken; hier nimmt man zu einer kleinen Kugel zusammengerollte Petersilie — ungefähr in der Größe einer Olive — und tunkt sie in das Charoßeth. Diese Mischung, die an den Mörtel erinnern soll, den unsere Vorfahren in Ägypten herstellen mußten, wird hier aus dreizehn verschiedenen Zutaten zusammengesetzt: aus Datteln, Äpfeln, Mandeln, Sesam, Nelken usw. Nachdem die Vorlesung der Hagadah beendet ist, wird nach Landessitte gespeist, indem alle ihre Hände in denselben Napf stecken. Danach kommt das Tischgebet und das „Sch’foch“ und der Seder ist vorüber.
Am zweiten Peßachabend bin ich beim More Aron Cohen, Richter beim Beth Din; er ist ein prächtiger stattlicher Greis mit schönem, langem, weißem Bart und immer freundlichem, sympathischem Gesicht. Der Imam hatte ihn zum Oberrabbiner ernennen lassen, er legte diese Würde aber bald ab und nahm dafür den Posten eines einfachen Richters an; er wollte sich nützlich machen, ohne dafür Ehrungen oder Vorteil zu gewinnen. Von Beruf Schneider, näht und stickt er den ganzen Tag an den Galamänteln für die Araber, die ihn sehr lieben und ihn gern bei sich empfangen. Er ist das Oberhaupt einer Patriarchenfamilie, die er mit Milde regiert. Von seinen fünf verheirateten Söhnen, die mit ihren Familien in seinem Haus wohnen, sind drei bereits Großväter. Es ist eine Freude, in dieses gottgesegnete Haus zu kommen.
More Aron liebt die Poesie der alten Bräuche und hängt an der Vergangenheit. Der Wohlklang seiner Stimme hat sich trotz seines hohen Alters noch voll erhalten, darum hat der von ihm abgehaltene Seder einen großen Reiz. Vor Beginn der Vorlesung bricht er eine Mazzah in zwei Teile, hüllt sie in ein Tuch, legt sie auf die Schulter und spaziert damit durch das ganze Haus: das bedeutet den Auszug aus Ägypten. Die Mah nischtanah wird von zwei seiner Enkel ins Arabische übersetzt, „damit die Frauen auch etwas davon verstehen“, erklärt mir der milde Greis. Wenn man das „Kamah Maaloth Toboth“ beginnt, setzen Männer und Frauen sich um die Tische und heben diese in die Höhe, sobald das Dajenu gesagt wird, lassen sie die Tische mit einem Ruck wieder herunterfallen. Die letzten Strophen werden mit großem Nachdruck vorgetragen. Nach der Mahlzeit wird in sehr vergnügter Stimmung das „Sch’foch“, das Hohelied, das „Echad mi jodea“ und das „Chad Gadja“ gelesen. Erst um Mitternacht war das Fest beendet.