Wir trafen noch alles in voller Vorbereitung an; die Frauen der leitenden Männer waren bemüht, die Ausstellungszelte mit dem Schmuck des Landes, mit Blüten und mit über mannsgroßen Palmblättern zu verschönern. Nicht ungern stellten wir beschäftigungslosen Ausstellungsbummler uns ihnen bei dieser Arbeit zur Verfügung. Es wurde auch nicht vergessen, für die leiblichen Bedürfnisse des kommenden Tages zu sorgen. Große Zelte wurden aufgeschlagen, in denen es später Tee, den man dort trotz des guten Weines viel und leidenschaftlich gern trinkt, sowie Obst und mancherlei Speisen gab.

Es lag eine Stimmung erwartungsvoller Vorfreude über dem Platz. Dann kam ein Abend, ein stiller, friedvoller, mondlos dunkler Dorfabend.

Der nächste Tag enttäuschte die Erwartungen nicht. Schon früh strömten von allen Seiten große Massen Volkes zu Pferd, zu Esel und zu Wagen herbei. Bald sammelte sich eine zahlreiche Wagenburg auf der einen Seite des Festplatzes. Am stärksten wurde der Zufluß, als der Extrazug, den die Eisenbahn von Tel Awiw, dem jüdischen Viertel von Jaffa, aus eingelegt hatte, in Ramleh angekommen war und seine Insassen sich in langer Kolonne heranwälzten. Viertausend Menschen bedeckten in unendlichem Gewimmel den Festplatz. Sehr viele Araber waren darunter, die mit unverhohlenem, schweigsamem Staunen das fremde Bild betrachteten. Ganz ungezwungen, wenn auch meist in geschlossenen Gruppen, bewegten sich zahlreiche Jemeniten unter der fröhlichen Menge. Eine fleißige Kapelle ließ ihre lustigen Weisen über das Feld hin ertönen. Wir trafen Bekannte aus dem ganzen Lande wieder, begrüßten uns mit ihnen voll herzlicher gegenseitiger Freude: es war, als ziehe die sechswöchige Fußwanderung noch einmal in wenigen Stunden an uns vorüber.

Schon am frühen Morgen waren die Turner auf dem Platze. Der Makkabiverband von Palästina umfaßte damals 980 Turner (die Zahl ist inzwischen ständig gewachsen). Ein sehr großer Teil von ihnen war zugegen und gab dem Fest den Charakter. Es wurden Gerät- und Freiübungen vorgeführt, es gab spannende Fußballwettkämpfe, Wettläufe, Tauziehen. Die einzelnen Kolonien wetteiferten, einander den Rang abzulaufen, aus Tel Awiw hatte das hebräische Gymnasium seine Schüler in den Kampf gesandt.

Gleich nach der Mittagspause vereinigte ein gewaltiger Festzug die gesamte mitwirkende Mannschaft. Mit fliegenden Fahnen zogen die einzelnen Gruppen des Zuges wohlgeordnet durch das Dorf. Vor dem Hause des Waad (Gemeinderat der Kolonie) hielt man an. Der Rosch hawaad (Vorsteher), Herr Eisenberg, trat auf den Balkon und hielt eine lange, mit großer Begeisterung, vielfach mit Tränen der Rührung aufgenommene Rede. So wenig Hebräisch ich verstand, so merkte ich doch, daß er das heutige Peßach mit dem Peßach von Mizrajim verglich und auf ein Peßach der Zukunft hindeutete. Das oft wiederholte Wort Cheruth (Freiheit) war der Grundton seiner Ansprache. In diesem Augenblick war in uns allen die Wahrheit des oft gesungenen „Am Jisrael chaj — Das Volk Israel lebt“ tiefstes Erlebnis.

Der Zug marschierte zum Festplatz zurück, die Wettkämpfe wurden wieder aufgenommen, die Reiter absolvierten ihre interessanten Wettrennen. Dabei beteiligte sich auch Zipporah, die Tochter eines Ansiedlers aus einer der südlichsten Kolonien, Frau eines Schomer.

Beim Wettrennen gab es einen peinlichen Zwischenfall, einen heftigen Streit, weil ein Teilnehmer wegen Behinderung disqualifiziert werden sollte und dennoch mitreiten wollte. Der Streit wurde geschlichtet, aber es war doch eine Dissonanz in dem sonst so harmonisch verlaufenen Tag. Das Bild wäre aber gefälscht, wenn ich dies nicht auch erwähnen wollte.

Der Tag ging zur Neige. Die Siegespreise wurden auf dem Platze verteilt, manch gute Rede noch gehalten, die letzten Gläser Wein getrunken — wobei ich hervorheben muß, daß trotz des freien Ausschanks von gutem schweren Wein kein Betrunkener bei diesem Volksfest zu finden war.

Wir verließen den Festplatz. Der Weg führte uns an der Synagoge vorbei; da sie erleuchtet war, traten wir ein und fanden die Mitglieder des Talmudvereins beim Lernen, meist alte Männer, aber lauter kräftige bäurische Gestalten. So reicht sich hier altes und neues jüdisches Leben die Hand.