Da begann der Degen von Metz Herr Ortewein: 895
"Wohl kann ihm nicht mehr helfen die große Stärke sein.
Will es mein Herr erlauben, ich thu ihm alles Leid."
Da waren ihm die Helden ohne Grund zu schaden bereit.
Dem folgte doch Niemand, außer daß Hagen 896
Alle Tage pflegte zu Gunthern zu sagen:
Wenn Siegfried nicht mehr lebte, ihm würden unterthan
Manches Königs Lande. Da hub der Held zu trauern an.
Man ließ es bewenden und gieng dem Kampfspiel nach. 897
Hei! was man starker Schäfte vor dem Münster brach
Vor Siegfriedens Weibe bis hinan zum Saal!
Mit Unmuth sah es Mancher, dem König Gunther befahl.
Der König sprach: "Laßt fahren den mordlichen Zorn. 898
Er ist uns zu Ehren und zum Heil geborn;
Auch ist so grimmer Stärke der wunderkühne Mann,
Wenn ers inne würde, so dürfte Niemand ihm nahn."
"Nicht doch," sprach da Hagen, "da dürft ihr ruhig sein: 899
Wir leiten in der Stille alles sorglich ein.
Brunhildens Weinen soll ihm werden leid.
Immer sei ihm Hagen zu Haß und Schaden bereit."
Da sprach der König Gunther: "Wie möcht es geschehn?" 900
Zur Antwort gab ihm Hagen: "Das sollt ihr bald verstehn:
Wir laßen Boten reiten her in dieses Land,
Uns offnen Krieg zu künden, die hier Niemand sind bekannt.
"Dann sagt ihr vor den Gästen, ihr wollt mit euerm Lehn 901
Euch zur Heerfahrt rüsten. Sieht er das geschehn,
So verspricht er euch zu helfen; dann gehts ihm an den Leib,
Erfahr ich nur die Märe von des kühnen Recken Weib."
Der König folgte leider seines Dienstmanns Rath. 902
So huben an zu sinnen auf Untreu und Verrath,
Eh es wer erkannte, die Ritter auserkoren:
Durch zweier Frauen Zanken gieng da mancher Held verloren.
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Fünfzehntes Abenteuer.