Das ist ein großes Wunder, wie es noch oft geschieht, 1076
Wenn man den Mordbefleckten bei dem Todten sieht,
So bluten ihm die Wunden, wie es auch hier geschah;
Daher man nun der Unthat sich zu Hagen versah.

Die Wunden floßen wieder so stark als je vorher. 1077
Die erst schon heftig klagten, die weinten nun noch mehr.
Da sprach König Gunther: "Nun hört die Wahrheit an:
Ihn erschlugen Schächer; Hagen hat es nicht gethan."

Sie sprach: "Diese Schächer sind mir wohl bekannt: 1078
Nun laß es Gott noch rächen von seiner Freunde Hand!
Gunther und Hagen, ja ihr habt es gethan."
Da wollten wieder streiten Die Siegfrieden unterthan.

Da sprach aber Kriemhild: "Ertragt mit mir die Noth." 1079
Da kamen auch die Beiden, wo sie ihn fanden todt,
Gernot ihr Bruder und Geiselher das Kind.
Sie beklagten ihn in Treuen; ihre Augen wurden thränenblind.

Sie weinten von Herzen um Kriemhildens Mann. 1080
Man wollte Messe singen: zum Münster heran
Sah man allenthalben Frauen und Männer ziehn,
Die ihn doch leicht verschmerzten, weinten alle jetzt um ihn.

Geiselher und Gernot sprachen: "Schwester mein, 1081
Nun tröste dich des Todes, es muß wohl also sein.
Wir wollen dirs ersetzen, so lange wir leben."
Da wust ihr auf Erden Niemand doch Trost zu geben.

Sein Sarg war geschmiedet wohl um den hohen Tag; 1082
Man hob ihn von der Bahre, darauf der Todte lag.
Da wollt ihn noch die Königin nicht laßen begraben:
Es musten alle Leute große Mühsal erst haben.

In kostbare Zeuge man den Todten wand. 1083
Gewiss daß man da Niemand ohne Weinen fand.
Aus ganzem Herzen klagte Ute das edle Weib
Und all ihr Ingesinde um Siegfrieds herrlichen Leib.

Als die Leute hörten, daß man im Münster sang 1084
Und ihn besargt hatte, da hob sich großer Drang:
Um seiner Seele willen was man da Opfer trug!
Er hatte bei den Feinden doch guter Freunde genug.

Kriemhild die arme zu den Kämmerlingen sprach: 1085
"Ihr sollt mir zu Liebe leiden Ungemach:
Die ihm Gutes gönnen und mir blieben hold,
Um Siegfriedens Seele verteilt an diese sein Gold."