Als sie verschmerzen wollte auf Gunther den Haß, 1150
Daß er sie küssen sollte, wohl ziemte sich ihm das.
Wär ihr mit seinem Willen so leid nicht geschehn,
So dürft er dreisten Muthes immer zu Kriemhilden gehn.

Es ward mit so viel Thränen nie eine Sühne mehr 1151
Gestiftet unter Freunden. Sie schmerzt' ihr Schade sehr.
Doch verzieh sie allen bis auf den Einen Mann:
Niemand hätt ihn erschlagen, hätt es Hagen nicht gethan.

Nun währt' es nicht mehr lange, so stellten sie es an, 1152
Daß die Königstochter den großen Hort gewann
Vom Nibelungenlande und bracht ihn an den Rhein:
Ihre Morgengabe war es und must ihr billig eigen sein.

Nach diesem fuhr da Geiselher und auch Gernot. 1153
Achtzighundert Mannen Frau Kriemhild gebot,
Daß sie ihn holen sollten, wo er verborgen lag
Und sein der Degen Alberich mit seinen besten Freunden pflag.

Als man des Schatzes willen vom Rhein sie kommen sah, 1154
Alberich der kühne sprach zu den Freunden da:
"Wir dürfen ihr wohl billig den Hort nicht entziehn,
Da sein als Morgengabe heischt die edle Künigin.

"Dennoch sollt es nimmer," sprach Alberich, "geschehn, 1155
Müsten wir nicht leider uns verloren sehn
Die gute Tarnkappe mit Siegfried zumal,
Die immer hat getragen der schönen Kriemhild Gemahl.

"Nun ist es Siegfrieden leider schlimm bekommen, 1156
Daß die Tarnkappe der Held uns hat genommen,
Und daß ihm dienen muste all dieses Land."
Da gieng dahin der Kämmerer, wo er die Schlüßel liegen fand.

Da standen vor dem Berge, die Kriemhild gesandt, 1157
Und mancher ihrer Freunde: man ließ den Schatz zur Hand
Zu dem Meere bringen an die Schiffelein
Und führt' ihn auf den Wellen bis zu Berg in den Rhein.

Nun mögt ihr von dem Horte Wunder hören sagen: 1158
Zwölf Leiterwagen konnten ihn kaum von dannen tragen
In vier Tag und Nächten aus des Berges Schacht,
Hätten sie des Tages den Weg auch dreimal gemacht.

Es war auch nichts anders als Gestein und Gold. 1159
Und hätte man die ganze Welt erkauft mit diesem Gold,
Um keine Mark vermindern möcht es seinen Werth.
Wahrlich Hagen hatte nicht ohne Grund sein begehrt.