Die Macht des grimmen Hagen bedauchte sie zu stark. 1327
Des Opfergoldes hatte sie wohl noch tausend Mark:
Das gab sie für die Seele von ihrem lieben Mann.
Das dauchte Rüdigeren mit großen Treuen gethan.
Da sprach die arme Königin: "Wo sind die Freunde mein, 1328
Die da mir zu Liebe im Elend wollen sein
Und mit mir reiten sollen in König Etzels Land?
Die nehmen meines Goldes und kaufen Ross' und Gewand."
Alsbald gab ihr Antwort der Markgraf Eckewart: 1329
"Seit ich als Ingesinde euch zugewiesen ward,
Hab ich euch stäts getreulich gedient," sprach der Degen,
"Und will bis an mein Ende des Gleichen immer bei euch pflegen.
"Ich führ auch mit der Meinen fünfhundert Mann, 1330
Die biet ich euch zu Dienste mit rechten Treuen an.
Wir bleiben ungeschieden, es thu es denn der Tod."
Der Rede dankt' ihm Kriemhild, da ers so wohl ihr erbot.
Da brachte man die Rosse: sie wollten aus dem Land. 1331
Wohl huben an zu weinen die Freunde all zur Hand.
Ute die reiche und manche schöne Maid
Bezeigten, wie sie trugen um Kriemhilden Herzeleid.
Hundert schöner Mägdelein führte sie aus dem Land; 1332
Die wurden wohl gekleidet, jede nach ihrem Stand.
Aus lichten Augen fielen, die Thränen ihnen nieder;
Manche Freud erlebten sie auch bei König Etzel wieder.
Da kam der junge Geiselher und König Gernot, 1333
Mit ihrem Heergesinde, wie es die Zucht gebot:
Die liebe Schwester wollten sie begleiten durch das Land;
Sie hatten im Gefolge wohl tausend Degen auserkannt.
Da kam der schnelle Gere und auch Ortewein; 1334
Rumold der Küchenmeister der ließ sie nicht allein.
Sie schufen Nachtlager der Frauen auf den Wegen:
Als Marschall sollte Volker ihrer Herberge pflegen.
Bei Abschiedsküssen hatte man Weinen viel vernommen, 1335
Eh sie zu Felde waren von der Burg gekommen.
Ungebeten gaben Viele Geleit ihr durch das Land.
Vor der Stadt schon hatte sich König Gunther gewandt.
Eh sie vom Rheine führen, hatten sie vorgesandt 1336
Ihre schnellen Boten in der Heunen Land,
Dem Könige zu melden, daß ihm Rüdiger
Zum Gemahl geworben die edle Königin hehr.