Um das alte Wormes und tiefer um den Rhein
Bis sich die Berge senken, da wächst ein guter Wein:
Er gleicht so recht an Farbe dem Nibelungengold,
Das in der Flut zerronnen in der Reben Adern rollt.
Den trank er alle Tage, beides, spät und früh,
Wenn er Rast sich gönnte von der Arbeit Müh.
Er war so rein und lauter, er war so hell und gut,
Er stärkte seine Sinne und erhöht' ihm Kraft und Muth.
Auch hört er Märe singen, die sang der Degen nach,
Von Alberich dem Zwerge, der des Hortes pflag,
Von hohem Liebeswerben, von Siegfriedens Tod,
Von Kriemhilds grauser Rache und der Nibelungen Noth.
Da nahm der Degen wieder das Ruder an die Hand
Und forschte nach dem Horte am weingrünen Strand.
Mit Hacken und mit Schaufeln drang er auf den Grund,
Mit Netzen und mit Stangen: ihm wurden Mühsale kund.
Von des Weines Güte empfieng er Kraft genug,
Daß er des Tags Beschwerde wohlgemuth ertrug.
Sein Lied mit stolzer Fülle aus der Kehle drang,
Daß es nachgesungen von allen Bergen wiederklang.
So schifft' er immer weiter zu Thal den grünen Rhein,
Nach dem Horte forschend bei Hochgesang und Wein.
Am großen Loch bei Bingen erst seine Stimme schwoll,
Hei! wie ein starkes Singen an der Lurlei widerscholl!
Doch fand er in der Tiefe vom Golde keine Spur,
Nicht in des Stromes Bette, im Becher blinkt' es nur.
Da sprach der biedre Degen: "Nun leuchtet erst mir ein:
Ich gieng den Hort zu suchen: der große Hort, das ist der Wein.
"Der hat aus alten Zeiten noch bewahrt die Kraft,
Daß er zu großen Thaten erregt die Ritterschaft.
Aus der Berge Schachten stammt sein Feuergeist,
Der den blöden Sänger in hohen Thaten unterweist.
"Er hat aus alten Zeiten mir ein Lied vertraut,
Wie er zuerst der Wogen verborgnen Grund geschaut;
Wie Siegfried ward erschlagen um schnöden Golds Gewinn
Und wie ihr Leid gerochen Kriemhild, die edle Königin.
"Mein Schifflein laß ich fahren, die Gier des Goldes flieht,
Der Hort ward zu Weine, der Wein ward mir zum Lied,
Zum Liede, das man gerne nach tausend Jahren singt
Und das in diesen Tagen von allen Zungen wiederklingt.