"Verzieht noch eine Weile, viel edler Rüdiger," 2306
Also sprach da Hagen: "wir reden erst noch mehr,
Ich und meine Herren, wie uns zwingt die Noth.
Was hilft es Etzeln, finden wir in der Fremde den Tod?

"Ich steh in großen Sorgen," sprach wieder Hagen, 2307
"Der Schild, den Frau Gotlind mir gab zu tragen,
Den haben mir die Heunen zerhauen vor der Hand;
Ich bracht ihn doch in Treuen her in König Etzels Land.

"Daß es Gott vom Himmel vergönnen wollte, 2308
Daß ich so guten Schildrand noch tragen sollte,
Als du hast vor den Händen, viel edler Rüdiger:
So bedürft ich in dem Sturme keiner Halsberge mehr."

"Wie gern wollt ich dir dienen mit meinem Schilde, 2309
Dürft ich dir ihn bieten vor Kriemhilde.
Doch nimm ihn hin, Hagen, und trag ihn an der Hand:
Hei! dürftest du ihn führen heim in der Burgunden Land!"

Als er den Schild so willig zu geben sich erbot, 2310
Die Augen wurden Vielen von heißen Thränen roth.
Es war Die letzte Gabe: es dürft hinfort nicht mehr
Einem Degen Gabe bieten von Bechlaren Rüdiger.

Wie grimmig auch Hagen, wie hart auch war sein Muth, 2311
Ihn erbarmte doch die Gabe, die der Degen gut
So nah seinem Ende noch hatt an ihn gethan.
Mancher edle Ritter mit ihm zu trauern begann.

"Nun lohn euch Gott im Himmel, viel edler Rüdiger. 2312
Es wird eures Gleichen auf Erden nimmermehr,
Der heimathlosen Degen so milde Gabe gebe.
So möge Gott gebieten, daß eure Milde immer lebe."

"O weh mir dieser Märe," sprach wieder Hagen. 2313
"Wir hatten Herzensschwere schon so viel zu tragen:
Das müße Gott erbarmen, gilts uns mit Freunden Streit!"
Da sprach der Markgraf wieder: "Das ist mir inniglich leid."

"Nun lohn ich euch die Gabe, viel edler Rüdiger: 2314
Was euch auch widerfahre von diesen Recken hehr,
Es soll euch nicht berühren im Streit meine Hand,
Ob ihr sie all erschlüget Die von der Burgunden Land."

Da neigte sich ihm dankend der gute Rüdiger. 2315
Die Leute weinten alle: Daß nicht zu wenden mehr
Dieser Herzensjammer, das war zu große Noth.
Der Vater aller Tugend fand an Rüdiger den Tod.