"Wie geziemt' uns mit euch zu streiten?" sprach wieder Gernot 128
"Wie viel dabei der Helden auch fielen in den Tod,
Wenig Ehre brächt uns so ungleicher Streit."
Die Antwort hielt da Siegfried, König Siegmunds Sohn, bereit:

Warum zögert Hagen und auch Ortewein, 129
Daß er nicht zum Streite eilt mit den Freunden sein,
Deren er so manchen bei den Burgunden hat?"
Sie blieben Antwort schuldig, das war Gernotens Rath.

"Ihr sollt uns willkommen sein," sprach Geiselher das Kind, 130
"Und eure Heergesellen, die hier bei euch find:
Wir wollen gern euch dienen, ich und die Freunde mein."
Da hieß man den Gästen schenken König Gunthers Wein.

Da sprach der Wirth des Landes: "Alles, was uns gehört, 131
Verlangt ihr es in Ehren, das sei euch unverwehrt;
Wir wollen mit euch theilen unser Gut und Blut."
Da ward dem Degen Siegfried ein wenig sanfter zu Muth.

Da ließ man ihnen wahren all ihr Wehrgewand; 132
Man suchte Herbergen, die besten, die man fand:
Siegfriedens Knappen schuf man gut Gemach.
Man sah den Fremdling gerne in Burgundenland hernach.

Man bot ihm große Ehre darauf in manchen Tagen, 133
Mehr zu tausend Malen, als ich euch könnte sagen;
Das hatte seine Kühnheit verdient, das glaubt fürwahr.
Ihn sah wohl selten Jemand, der ihm nicht gewogen war.

Flißen sich der Kurzweil die Könge und ihr Lehn, 134
So war er stäts der Beste, was man auch ließ geschehn.
Es konnt ihm Niemand folgen, so groß war seine Kraft,
Ob sie den Stein warfen oder schoßen den Schaft.

Nach höfscher Sitte ließen sich auch vor den Fraun 135
Der Kurzweile pflegend die kühnen Ritter schaun:
Da sah man stäts den Helden gern von Niederland;
Er hatt auf hohe Minne seine Sinne gewandt.

Die schönen Fraun am Hofe erfragten Märe, 136
Wer der stolze fremde Recke wäre.
"Er ist so schön gewachsen, so reich ist sein Gewand!"
Da sprachen ihrer Viele: "Das ist der Held von Niederland."

Was man beginnen wollte, er war dazu bereit; 137
Er trug in seinem Sinne eine minnigliche Maid,
Und auch nur ihn die Schöne, die er noch nie gesehn,
Und die sich doch viel Gutes von ihm schon heimlich versehn.