Ihr habt doch wol vernommen, Siegfried war gar reich. 523
Sein war der Nibelungenhort, dazu das Königreich.
Drum gab er seinen Degen völliglich genug;
Es ward ja doch nicht minder, wie viel man von dem Schatze trug.

Eines frühen Morgens begannen sie die Fahrt: 524
Was schneller Mannen hatte da Siegfried sich geschart!
Sie führten gute Rosse und herrlich Gewand:
Sie kamen stolz gezogen hin zu Brunhildens Land.

Da stand in den Zinnen manch minnigliches Kind. 525
Da sprach die Königstochter: "Weiß Jemand, wer die sind,
Die ich dort fließen sehe so fern auf der See?
Sie führen reiche Segel, die sind noch weißer als der Schnee."

Da sprach der Vogt vom Rheine: "Es ist mein Heergeleit, 526
Das ich auf der Reise verließ von hier nicht weit:
Ich habe sie besendet: nun sind sie, Frau, gekommen."
Der herrlichen Gäste ward mit Züchten wahrgenommen.

Da sah man Siegfrieden im Schiffe stehn voran 527
In herrlichem Gewande mit manchem andern Mann.
Da sprach die Königstochter: "Herr König, wollt mir sagen:
Soll ich die Gäste grüßen oder ihnen Gruß versagen?"

Er sprach: "Ihr sollt entgegen ihnen vor den Pallas gehn, 528
Ob ihr sie gerne sehet, daß sie das wohl verstehn."
Da that die Königstochter, wie ihr der König rieth;
Siegfrieden mit dem Gruße sie von den Andern unterschied.

Herberge gab man ihnen und wahrt' ihr Gewand. 529
Da waren so viel Gäste gekommen in das Land,
Daß sie sich allenthalben drängten mit den Scharen:
Da wollten heim die Kühnen zu den Burgunden fahren.

Da sprach die Königstochter: "Dem blieb ich immer hold, 530
Der zu vertheilen wüste mein Silber und mein Gold
Meinen Gästen und des Königs, des ich so viel gewann."
Zur Antwort gab ihr Dankwart, des kühnen Geiselher Mann:

"Viel edle Königstochter, laßt mich der Schlüßel pflegen; 531
Ich will es so vertheilen," sprach der kühne Degen,
"Wenn ich mir Schand erwerbe, die treffe mich allein."
Daß er milde wäre, das leuchtete da wohl ein.

Als sich Hagens Bruder der Schlüßel unterwand, 532
So manche reiche Gabe bot des Helden Hand:
Wer Einer Mark begehrte, dem ward so viel gegeben,
Daß die Armen alle da in Freuden mochten leben.