Da sprach der Wirth des Landes: "Was ist euch, Fraue mein, 637
Daß ihr so trüben laßet lichter Augen Schein?
Ihr solltet recht euch freuen: euch ist unterthan
Mein Land und reiche Burgen und mancher waidliche Mann."

"Recht weinen sollt ich eher," sprach die schöne Maid. 638
"Deiner Schwester wegen trag ich Herzeleid.
Ich seh sie sitzen neben dem Eigenholden dein:
Wohl muß ich immer weinen, soll sie so erniedrigt sein."

Da sprach der König Gunther: "Schweigt davon jetzt still, 639
Da ich euch ein andermal die Kunde sagen will,
Warum meine Schwester Siegfrieden ward gegeben.
Wohl mag sie mit dem Recken allezeit in Freuden leben."

Sie sprach: "Mich jammern immer ihre Schönheit, ihre Zucht; 640
Wüst ich, wohin ich sollte, ich nähme gern die Flucht
Und wollt euch nimmer eher nahe liegen bei,
Bis ich wüste, weshalb Kriemhild die Braut von Siegfrieden sei."

Da sprach König Gunther: "Ich mach es euch bekannt: 641
Er hat selber Burgen wie ich und weites Land.
Das dürft ihr sicher glauben, er ist ein König reich:
Drum gönn ich ihm zum Weibe die schöne Magd ohne Gleich."

Was ihr der König sagte, traurig blieb ihr Muth. 642
Da eilte von den Tischen mancher Ritter gut:
Das Kampfspiel ward so heftig, daß rings die Burg erklang.
Dem Wirth bei seinen Gästen ward die Weile viel zu lang.

Er dacht: "Ich läge sanfter der schönen Frauen bei." 643
Er wurde des Gedankens nicht mehr im Herzen frei,
Von ihrer Minne müße ihm Liebes viel geschehn.
Da begann er freundlich Frau Brunhilden anzusehn.

Vom Ritterspiel die Gäste bat man abzustehn: 644
Mit seinem Weibe wollte zu Bett der König gehn.
Vor des Saales Stiege begegneten da
Sich Kriemhild und Brunhild; noch in Güte das geschah.

Da kam ihr Ingesinde; sie säumten länger nicht: 645
Ihre reichen Kämmerlinge brachten ihnen Licht.
Es theilten sich die Recken in beider Könge Lehn.
Da sah man viel der Degen hinweg mit Siegfrieden gehn.

Die Helden kamen beide hin, wo sie sollten liegen. 646
Da dachte Jedweder mit Minnen obzusiegen
Den minniglichen Frauen: des freute sich ihr Muth.
Siegfriedens Kurzweil die wurde herrlich und gut.