Es troumde Kriemhilde in tugenden der si phlac wie si einen valken wilde züge manegen tac,

ein Beweis, daß Mittelreime dem Schreiber dieses Textes nicht anstößig waren, während Lachmann Kriemhilte und wilden schrieb, "um auch den Schein eines innern Reimes zu vermeiden". Was freilich 'in tugenden der si phlac' heißen soll ist nicht leicht zu sagen; wahrscheinlich sollte damit das

in ir hohen eren

des alten Liedes umschrieben werden, denn in disen höhen êren lautete es wohl erst, als die zwölf Strophen der einem Theaterzettel ähnlichen Einleitung davor gerückt wurden.

Daß auch viele nur auf Einer Hebung reimende Langzeilen des Aufgesangs vier Hebungen tragen, hab ich in meiner Schrift: Die Nibelungenstrophe und ihr Ursprung, Bonn 1858, auf die ich überhaupt hier verweisen muß, näher ausgeführt, und der aufmerksame Leser wird in der gegenwärtigen Ausgabe zahlreiche Belege dafür nicht übersehen; am auffallendsten ist, daß sogar Zusatzstrophen in C wie nach 1662 bei stumpfem Reim im Aufgesang vier Hebungen zeigen: sie sind ohne Zweifel alt und zu einer Zeit eingeschoben, wo man noch vier Hebungen an diesen Stellen erwartete.

Es darf nicht irren, daß uns die Nibelungenstrophe zuerst in Liedern entgegentritt, ja daß sie eine lyrische Gliederung zeigt. Was zuerst letztere belangt, so würde, wenn die Gliederung ganz wegfiele, mithin auch die vierte Zeile wie in dem spätern Hildebrandston, nur drei Hebungen trüge, die Strophe in zwei gleiche Hälften auseinanderfallen. Strophische Behandlung der Langzeile finden wir aber schon in der Edda, also noch ehe der Reim an die Stelle der Alliteration trat. Die Verwendung zu Liedern aber darf nicht befremden, denn diese ältesten Lieder, z.B. die s.g. Kürnbergschen, zeigen noch epische Eingänge, sie gehören einer Zeit an, wo sich das Lied eben erst dem mütterlichen Schooß der Epik entwunden hatte: darum tritt sie, wie ich das Nibelungenstr. 82 näher ausgeführt habe, anfangs noch in epischen Formen auf, ja entnimmt ihren Inhalt, wie das Gleichniss von dem Falken, dem Epos.

Wenn die Nibelungenstrophe keine ursprünglich lyrische war, oder der epische Volksgesang sich ihrer schon früh bemächtigt hatte, so durfte sich jeder Sänger ihrer bedienen, und der spätere Gebrauch der Minnesinger, jedem Liede eigenes Maß und eigene Weise zu widmen, deren Entleihung dann für unerlaubt galt, konnte auf sie noch keine Anwendung finden.

Diesen Einwand haben sich diejenigen schon selbst gemacht, die der Nibelungenstrophe, wie sie in der Pariser Handschrift zuerst erscheint, in Kürnberg einen Erfinder entdeckt haben wollen, dem sie dann mit überhöfischer Milde auch noch das ganze Nibelungenlied zum Geschenk machen, einem modernen Lyriker unser tausendjähriges Nationalepos.

Sie setzen aber diesem Einwand entgegen: wenn die Nibelungenstrophe, die sie ohne Grund Kürnbergs Weise nennen, eine alte Volksweise gewesen, so würden andere Dichter sich nicht gescheut haben sie anzuwenden; sie hätten nicht Variationen dieser Strophe erfunden, sie nicht mit kleinen Modificationen umgebildet: "denn ein geringer Unterschied," sagt Bartsch, "brauchte nur da zu sein, um eine Strophenform neben einer schon vorhandenen als neu erscheinen zu laßen." Demnach wäre denn die Strophe, deren ursprüngliche Gliederung wir soeben besprochen haben, von dem erträumten Kürnberg so umgebildet, daß sie bald die ursprüngliche Gliederung behalten, bald wieder in den zweiten Vershälften des Aufgesangs nur drei Hebungen, oder gar in der ersten Zeile des Aufgesangs vier, in der zweiten drei tragen durfte; und der Dichter des Wolfdietrich und schon der Schreiber der Nibelungenhandschrift A hätte sie so umgebildet, daß es erlaubt war, der achten Halbzeile bald drei, bald vier Hebungen zu geben. Hatten aber wirklich diese und andere Umbildungen der Nibelungenstrophe den angegebenen Grund, daß man kein "Tönedieb" heißen wollte, so müste man ja glauben, der vorgebliche Kürnberg hätte selber gefürchtet an sich zum Dieb zu werden durch Anwendung der selbsterfundenen Strophe, da wir ja auch bei ihm eine Variation derselben finden, und zwar nach Bartschens eigener Aufstellung (Deutsche Liederdichter S. 1) eine durch zwei Strophen belegte Variation.

Für uns, die wir als Grundlage beider Theile des Nibelungenliedes, neben der lateinischen Faßung Konrad des Schreibers, deren Einwirkung nicht geläugnet werden kann, eine Sammlung er Volkslieder in der gemeinsamen alten, aber sich allmählich umbildenden Volksweise annehmen, deren Näthe hier und da noch deutlich zu erkennen sind, uns fehlt es an Beispielen unveränderter Anwendung der Nibelungenstrophe bei verschiedenen Dichtern nicht. Der einzige Unterschied, der sich hervorthut, ist in demselben Liede die ungleiche Zahl der Hebungen in den Zeilen des Aufgesangs, und die Freiheit hier mit Auslaßung der Senkung auf zwei Hebungen zu reimen, was sich in den beiden Zeilen des Abgesangs niemals ereignen kann. Diese Unterschiede sind aber unwesentlich, da die ganze Strophe sich aus Sangzeilen von acht Hebungen hervorgebildet hat, die schon, als sie noch alliterierten, um eine Hebung gekürzt werden durften. Vergl. Nibelungenstrophe §.9.