DIe Motive der Märchen sind der Ausdruck gewisser Vorstellungen, denen die Menschen irgendwo und irgendwann angehangen haben müssen. Es müssen wohl einmal, vielleicht auf der ganzen bewohnten Erde, wenn auch nicht zu derselben Zeit, das Tier, die Sonne, der Stein, die Wolke für den Menschen Dinge gewesen sein, deren Wesenheit er nicht von der seinigen unterschied, und sicherlich hat er sich von diesen Vorstellungen seines Kindheitsalters nur sehr langsam emanzipiert. Unbestreitbar ist es wohl auch, daß solche, gewissermaßen religiöse Anschauungen, die viele Generationen überdauert haben mögen, nicht von allen Angehörigen eines Rudels oder Stammes gleichzeitig aufgegeben worden sind, und ebenso darf man annehmen, daß sich ganze Völker von manchen Anschauungen früher losgesagt haben als andere. Es ist nun nur natürlich, daß bei denen, die irgendeinen Standpunkt längst überwunden hatten, Verwunderung und ein Überlegenheitsgefühl rege wurden, wenn sie auf andere stießen, die noch in dem alten Wahne befangen waren, und diese Empfindungen haben sich bei ihnen auch einstellen müssen, wenn sie auf naive Vorstellungen, die für sie etwa schon äußerer Umstände wegen unmöglich gewesen wären — zum Beispiele für Binnenvölker, daß die untergehende Sonne im Meere ertrinke — bei andern gestoßen sind. Nichts liegt nun näher, als daß diese Empfindungen der Höherstehenden ihren vorläufigen Ausdruck in einem Verlachen oder Belächeln der rückständigen Vorstellung gefunden haben. Während wir bei jedem der an der Zahl immer geringer werdenden Naturvölker ganze Gruppen von ihm eigenen und ursprünglichen Vorstellungen noch unmittelbar vorfinden, sind uns diese bei den alten Kulturvölkern nur in ihren Überlieferungen erhalten und zwar, primär, im Märchen, dann aber auch, mit einer Kritik verbunden, im Schwanke: das Märchen kennt keine oder nur eine falsche Logik; im Schwanke wird der Mangel der Kausalität belacht.
Die Entstehung des Schwankes, der nur ein einziges Märchenmotiv braucht, das eben belacht wird, ist also zum Unterschiede von dem Märchen, das dasselbe Motiv verarbeitet, an eine Kulturstufe gebunden, die schon einzelne früher im Schwange gewesene oder anderswo noch geltende Meinungen als widersinnig, als falsch erkennt. Der Vater, der, als ihm ein Kind stirbt, ein zweites tötet, damit das erste nicht den langen Weg allein zu gehn brauche[1], kann erst dann verlacht werden, wann die Vorstellung, daß der Tote noch die Bedürfnisse des Lebenden hat, im allgemeinen überwunden ist, oder nur dort, wo sie nie existiert hat; der Haß gegen ein Bild[2] kann erst dann ein Gegenstand des Spottes werden, wann der Glaube, daß dem Bilde die Eigenschaften des Originals innewohnen, seine Lebenskraft so ziemlich verloren hat, oder nur dort, wo er nie vorhanden war.
Wenn diese Theorie richtig ist, dann ist die älteste Gattung des Schwankes die Erzählung von der Dummheit des andern oder der andern, und mit jeder menschlichen Anschauung, die, ob sie nun der einfachen Naturbetrachtung oder einer höhern Geistestätigkeit entsprungen ist, im Laufe der Jahrtausende ihre Berechtigung verliert, wächst ein neues Schwankmotiv zu; von dem Lachen über den, der ein Tier durch Strafen witzigen will wie ein ungehorsames Kind, bis zu dem Lachen über das Weib, das einem Vaganten glaubt, er komme schnurstracks aus dem Himmel, liegt eine Reihe von unendlich vielen Gliedern. Der Schlauheitsschwank, der schon eine weitere Person einführt, die sich die Dummheit der ersten zunutze macht, darf keinen Anspruch auf das Alter des reinen Dummheitsschwankes erheben.
Der Dummheitsschwank trägt aber schon, und sei er noch so primitiv, den Charakter einer bewußten Verarbeitung eines freilich noch nicht als solches erkannten Märchenmotivs an sich, das er uns oft, indem er die Kuriosität der kindlichen Vorstellung demonstrieren will, in einer reinern Form als das Märchen überliefert; er ist gewissermaßen schon, wenn der Ausdruck gestattet ist, eine Art literarisches Erzeugnis, und diese Eigenschaft muß ihn befähigen, auch dort, wo für seine Grundlage, nämlich das betreffende Märchenmotiv, als eine für die Ortsverhältnisse ungereimte Vorstellung eine Neuverbreitung oder als eine in grauer Vorzeit überholte Vorstellung eine Wiederverbreitung ausgeschlossen gewesen wäre, durch seinen absoluten Wert als Unterhaltungsstoff im weitesten Maße vorzudringen. Gar viele Märchenmotive, und gerade die ursprünglichsten, mögen erst durch den sie parodierenden Schwank auf fremden Boden verpflanzt oder auf dem eigenen zu neuem Leben erweckt worden sein.
Von den außerordentlich zahlreichen Dummheitsschwänken, die in der vorliegenden Sammlung — vorläufig sei nur von ihrem ersten Teile die Rede — an einen einzigen Namen geknüpft erscheinen, beruhen sehr viele auf so primitiven Vorstellungen, daß schon daraus erhellt, daß sie dem Manne, von dem sie erzählt werden, nur beigelegt worden sind. Wenn auch bei dem Mangel an alten Aufzeichnungen derartiger leichter und so lange mit Unrecht verachteter Geschichtchen viele Typen nicht sehr weit zurückverfolgt werden können, so müssen doch die obigen Erwägungen zu der Annahme eines ehrwürdigen Alters genügen, umsomehr als es klar ist, daß von dem Auftauchen eines Dummheitsschwankes bis zu seiner ersten Niederschrift eine geraume Zeit verflossen sein muß, in der er sich so wie das in ihm behandelte Märchenmotiv und oft mit diesem mündlich fortgepflanzt hat. Deswegen aber die Existenz des nunmehrigen Trägers dieser Überlieferungen zu leugnen, hätte wohl keine Berechtigung; es wird ja auch niemand einfallen zu behaupten, König Franz I. von Frankreich habe nie gelebt, weil von ihm eine Schnurre erzählt wird, die schon im Conde Lucanor steht.
Von dem Hodscha Nasreddin wird uns als von einem Zeitgenossen dreier wohlbekannter Fürsten gesprochen. Zuerst des Sultans Alaeddin III. (II.), des letzten Herrschers der Seldschukendynastie in Karamanien, der im Jahre 1392 Konia, das alte Iconium, und Akschehir, das alte Philomelion, an Bajazet I. verloren hat, dann eben dieses Osmanensultans und endlich des tatarischen Eroberers Timur, der am 20. Juli 1402 Bajazet in der Schlacht von Angora aufs Haupt geschlagen und gefangen genommen hat; dort, wo der betreffende Gewalthaber einfach Bei genannt wird, hat man die Wahl zwischen den drei genannten Fürsten und dem von Timur eingesetzten Bei von Karamanien, nämlich Mohammed, dem ältesten Sohne Alaeddins III., doch dürfte wohl meistens Timur gemeint sein, bei dem Nasreddin die Stelle eines lustigen Rates eingenommen haben soll. In dieselbe Verbindung wird Nasreddin allerdings auch mit Bajazet gebracht, einmal von dem Historiker De la Croix[3] und dann noch von Karl Friedrich Flögel[4]; beide vermeiden es aber, ihre Quellen anzugeben. Von seinem Freundschaftsverhältnisse zu Timur berichtet hingegen schon Demetrius Cantimir oder Kantemyr, der 1723 verstorbene ehemalige Fürst der Moldau, das Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften[5], und dieser schickt nicht nur seinen Erzählungen von Timur und Nasreddin die Bemerkung voraus, daß sich Timur nach den Historikern drei Tage lang bei Jenischehir aufgehalten habe, um den Erzählungen des türkischen Äsops zu lauschen, der ihm so lieb geworden sei, daß er ihm zuliebe auf die Plünderung dieser Stadt verzichtet habe, sondern sagt auch weiter, er entnehme die folgenden Schnurren einem türkischen Buche. Dem Alter, das dieses Buch gehabt haben muß, entspricht das von mehrern Manuskripten, die Decourdemanche für seine große Ausgabe von Nasreddins Schwänken[6] benutzt hat, und deren eines schon um 1600 niedergeschrieben worden ist; daher müßte sich wohl die Annahme, daß Nasreddin eine mythische Person sei, auf andere Prämissen stützen als auf die Tatsache, daß mit seinem Namen uralte Schwankmotive verknüpft worden sind. Daran ändert es auch nichts, daß eine Sage wissen will, er habe schon zu der Zeit Harun al Raschids gelebt: Mohammed Nasreddin, der damals einer der weisesten Männer gewesen sei, habe sich mit seinen Lehren in einen Widerspruch zur Religion gesetzt und sei deshalb zum Tode verurteilt worden; um sein Leben zu retten, habe er sich wahnsinnig gestellt. Der ungarische Gelehrte Kúnos, der sie erzählt, hat sicherlich recht, wenn er die Entstehung dieser Sage darauf zurückführt, daß man versuchen wollte, manche Späße des Hodschas zu rechtfertigen[7]. Nicht mehr Bedeutung darf einer persischen Überlieferung beigemessen werden, die Nasreddin als einen Zeitgenossen und Untertanen des Schahs Takasch (um das Jahr 1200 unserer Zeitrechnung) nennt[8]; hier war wohl der Wunsch maßgebend, den berühmten Nasreddin als persischen Landsmann beanspruchen zu können. In beiden Fällen handelt es sich überdies um ganz vereinzelte, von dem Massiv der übrigen Überlieferungen abseits stehende Anekdoten.
Weniger als das hohe Alter der von den Historikern übernommenen Traditionen fällt bei der Frage, ob Nasreddin der Mythe angehört, der Umstand ins Gewicht, daß der Hodscha Nasreddin im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts eine solche Berühmtheit genossen haben soll, daß einer seiner Nachkommen eben dieser Abstammung wegen ein kaiserliches Geschenk erhalten hätte. Wäre diese Geschichte tatsächlich, wenn auch nur in ihren Grundzügen und ohne das lustige Moment, von einem Historiker dieser Zeit bezeugt[9], dann wäre sie eine glückliche Illustration zu der Tatsache, daß damals schon Nasreddin als derselbe galt, als der er heute gilt, einer Tatsache, die aber schon aus dem Alter des ältesten der von Decourdemanche benützten Manuskripte hervorgeht.
Von nicht viel größerer Bedeutung für die Lösung jener Frage ist es wohl auch, daß noch heute in Akschehir das Grab des Hodschas Nasreddin gezeigt wird, wenn dieses auch schon um die Mitte des 17. Jahrhunderts von dem berühmten osmanischen Reisenden Evlija Tschelebi besucht worden ist[10], und obwohl ihm, wie von mehrern Geschichtsschreibern bewährt wird, der Sultan Murad IV. (1623–40), der sich dort auf einem Feldzuge längere Zeit aufgehalten hat, die Anregung zu einem Gedichte verdankte[11].
Dieses Grab beschreibt der Grieche Walawani in einer dem Hodscha Nasreddin gewidmeten Monographie folgendermaßen[12]: