VOn der Arbeit wollte Giufà nichts wissen, aber essen, trinken und nichtstun gefiel ihm. Er aß, und dann ging er weg und trieb sich hier und dort herum. Seine Mutter war darüber ärgerlich, und immer sagte sie zu ihm: »Giufà, was für ein Lebenswandel ist das? Du machst ja keine Anstalt, ein Handwerk zu ergreifen: du ißt, du lebst, und was aus dir wird, das ist die Frage.... Jetzt dulde ich das aber nicht mehr: entweder du gehst dir dein Brot verdienen, oder ich werfe dich auf die Straße.«
Nun ging Giufà einmal in die Cassarustraße[9], um sich Kleider zu verschaffen. Bei dem einen Händler nahm er das eine, das andere bei dem andern, bis er ganz neu gekleidet war, sogar auch mit einer schönen roten Mütze — damals gingen alle mit Mützen; jetzt geht der schäbigste Handwerker mit einem Seidenhut oder wenigstens mit einem Filzhut. Aber Giufà bezahlte die Sachen nicht, weil er kein Geld hatte; er sagte: »Borg mir; dieser Tage komme ich zahlen.« Und so sagte er allen Händlern.
Als er sich ordentlich herausstaffiert hatte, sagte er: »Nun also, jetzt wären wir so weit; jetzt kann meine Mutter nicht mehr sagen, ich sei ein Taugenichts! Aber wie soll ich es mit der Bezahlung der Händler machen?.... Ich werde mich tot stellen, und wir werden sehn, wie es ausgeht ...« Er warf sich aufs Bett: »Ich sterbe! ich sterbe! .... Ich bin gestorben!« Und er kreuzte die Hände und streckte die Beine. »Sohn, Sohn! was für ein Unglück!« Seine Mutter raufte sich vor Schmerz die Haare aus. »Wie ist denn das Unglück geschehn? O mein Sohn!« Als die Leute diesen Lärm hörten, liefen sie herbei, und alle bemitleideten die arme Mutter. Die Kunde verbreitete sich, und die Kaufleute kamen nachsehn, und die sagten, als sie ihn tot sahen: »Armer Giufà! Er war mir — sagen wir — sechs Tari schuldig, weil ich ihm ein Paar Schuhe verkauft habe .... Aber ich schenke sie ihm!« Und alle gingen und schenkten ihm ihre Guthaben, so daß Giufà aller seiner Schulden ledig war. Der von der roten Mütze jedoch hatte, ich weiß nicht, was für einen Ärger; er sagte: »Ich aber lasse ihm die Mütze nicht.« Er ging hin und fand die Mütze nagelneu auf seinem Kopfe. Und was hat er getan? Am Abende, als die Leichenknechte Giufà nahmen und ihn in die Kirche trugen, um ihn dann zu begraben, ging er hinterdrein und ging, ohne von jemand bemerkt zu werden, in die Kirche. Nach einer Weile, es mochte so gegen Mitternacht gewesen sein, schlichen etliche Diebe in die Kirche; sie kamen, um einen Sack Geld zu teilen, den sie gestohlen hatten. Giufà rührte sich nicht von seiner Bahre, und der von der Mütze verbarg sich hinter einer Tür und wagte kaum zu atmen. Die Diebe leerten das Geld auf einen Tisch, so daß er ganz voll wurde von Gold und Silber — denn zu jener Zeit lief das Silber wie das Wasser — und machten so viel Häufchen, wie sie Leute waren. Ein Dutzend Tari blieb über, und nun wußten sie nicht, wer es sich nehmen sollte. »Um einen Streit zu vermeiden,« sagte einer, »wollen wir es so machen: da ist ein Toter, und auf den wollen wir schießen, und wer ihn auf den Mund trifft, soll die zwölf Tari haben.« Alle billigten diesen Vorschlag: »Sehr gut! sehr gut!«; und schon hatten sie sich vorbereitet, um auf Giufà zu schießen. Als das Giufà sah, erhob er sich auf der Bahre und stieß ein Gebrüll aus: »Auf, ihr Toten, allesamt!« Was brauchte es bei den Dieben mehr? Sie ließen alles im Stich, und hilf mir, heiliger Reißaus, sie laufen noch immer. Als sich Giufà allein sah, stand er auf und eilte, um sich der Häufchen zu bemächtigen. Da kam aber auch schon der von der Mütze hervor, der sich, ohne sich zu mucksen, verkrochen gehabt hatte, und lief zu dem Tische hin, um das Geld zu packen. Genug: auf jeden kam die Hälfte und sie teilten das Geld. Ein Fünfgranistück blieb übrig; Giufà rief: »Das nehme ich mir!« »Nein, der Fünfer gehört mir.« »Mir gehört er.« »Pack dich, das ist nichts für dich; die fünf Grani sind mein.« Giufà erwischte eine Stange und stellte sich, um sie dem von der Mütze um den Schädel zu schlagen; er sagte: »Her mit den fünf Grani! die fünf Grani will ich!« In diesem Augenblicke kamen die Räuber zurück, um zu sehn, was die Toten machten; denn es däuchte sie allzu schmerzlich, das ganze Geld einzubüßen. Sie stellten sich hinter die Kirchentür, und da hörten sie diesen Wortwechsel und mächtigen Lärm wegen der fünf Grani. Sie sagten: »Dummköpfe! fünf Grani kommen auf einen, und dazu reicht das Geld nicht aus. Wer weiß, wie viel Tote aus dem Grabe gekommen sind!« Damit nahmen sie die Beine in die Hand und entflohen.
Giufà nahm die fünf Grani, lud sich seinen Geldsack auf und ging nach Hause.
GIufà hörte einmal am Morgen, als es dämmerte und er im Bette lag, die Pfeife blasen, und da fragte er seine Mutter: »Mutter, wer ist denn der, der vorbeigeht?« Seine Mutter sagte zu ihm: »Das ist der Morgensänger.« Dieser Morgensänger kam allmorgendlich vorbei. Eines Morgens stand nun Giufà auf und ging und tötete den Morgensänger, der ein Mann war, der die Pfeife blies; dann ging er zu seiner Mutter und sagte zu ihr: »Mutter, den Morgensänger habe ich getötet.« Seine Mutter, die begriff, daß er den Mann getötet hatte, der die Pfeife geblasen hatte, nahm den Toten, trug ihn ins Haus und warf ihn in den Brunnen, der gerade ohne Wasser war.
Als Giufà den Mann tötete, war er von einem beobachtet worden, und der ging hin und erzählte es dessen Verwandten; alsbald machten sich die auf und führten bei Gericht Klage, daß Giufà den Morgensänger getötet habe.
Der Mutter Giufàs, die klug war, fiel es ein, daß sie einen Hammel hatte; den tötete sie und warf ihn in den Brunnen. Das Gericht kam zu Giufà, um den Totschlag zu bewähren, und die Verwandten des Toten kamen allesamt mit. Der Richter sagte zu Giufà: »Wohin hast du den Toten gebracht?« Giufà antwortete in seiner Dummheit: »In den Brunnen habe ich ihn geworfen.« Sie banden Giufà an einen Strick und ließen ihn in den Brunnen hinab; auf dem Boden angekommen, machte er sich ans Suchen. Er stieß und tappte auf Wolle, und da sagte er zu den Söhnen des Toten: »Hatte dein Vater Wolle?« »Mein Vater hatte keine Wolle.« »Der da hat Wolle; es ist dein Vater nicht.« Dann traf er auf den Schwanz: »Hatte dein Vater einen Schwanz?« »Mein Vater hatte keinen Schwanz.« »Dann ist das nicht dein Vater.« Dann fand er, daß der im Brunnen vier Füße hatte, und sagte: »Wie viel Füße hatte dein Vater?« »Mein Vater hatte zwei Füße.« Giufà antwortete: »Der da hat vier Füße; er ist dein Vater nicht.« Dann tastete er an den Kopf: »Hatte dein Vater Hörner?« Die Söhne antworteten: »Mein Vater hatte keine Hörner.« Giufà antwortete: »Der da hat Hörner; er ist dein Vater nicht.« Der Richter antwortete: »Giufà, ob mit den Hörnern, ob mit der Wolle, bring ihn herauf.« Sie zogen Giufà herauf und er hatte den Hammel auf der Schulter; das Gericht sah, daß es wirklich ein Hammel war, und sprach Giufà frei.