»Nun,« sagte ein Herr lachend, der dem Abbé am nächsten saß, »an irgend etwas muß doch der Mensch zugrunde gehen, und sei es auch an seinen eigenen Einbildungen!«

»Auch ich bin überzeugt, daß es eine Art von Selbstmord war, den Monsieur de P. an sich beging,« sagte der Abbé. »Ich habe mir nachher viele Mühe gegeben, zu erfahren, woher er die fixe Idee hatte, daß er gerade an diesem Tage und zu dieser Stunde sterben werde. Ich wüßte nicht, daß er jemals abergläubische Anwandlungen gehabt hätte! Wie gesagt, das ist mir rätselhafter geblieben als sein Tod!«


In einem Seminar – –

Von Felix Freiherr von Stenglin

Es war zur Zeit, als die Prüfungsarbeiten der Seminaristen bevorstanden.

In diesen Jünglingen gärte es wie in jungem Wein. Am Tore des Lebens, in dem sie nie geahnte Taten zu vollbringen gedachten, empfanden sie mit Grimm den täglichen Zwang, dem sie noch immer ausgesetzt waren, und gelegentlich brach sich die Urnatur in rücksichtslosester Weise Bahn. Einige Lehrer (aber sehr wenige) ließen sie gelten, andere sahen sie als ihre persönlichen Feinde an. Der Direktor aber war in ihren Augen ein Pedant, dem sie mit Vergnügen den größten Schabernack gespielt hätten. Ein Pedant! Was lag alles in diesem Worte!

Ihre Vorgänger hatten es ähnlich getrieben wie sie. Besonders hatte man auch früher schon alle List und Tücke daran gesetzt, sich vor dem Examen die Prüfungsarbeiten zu beschaffen, denn so kühn und selbstbewußt diese jungen Leute auch in die Welt sehen mochten, bei der Prüfung vertrauten sie doch lieber sicheren Tatsachen, als der unbestimmten eignen Kraft.

Das Dienstmädchen des Direktors war in diesen Zeiten eine umworbene Persönlichkeit. Diesmal gelang es einem gewissen P., zarte Beziehungen zu ihr anzuknüpfen und sich die Schlüssel zu dem Zimmer des Direktors zu verschaffen. Er geht über Leichen, sagten seine Kameraden von ihm. Der Schreibtischschlüssel lag an einem bestimmten Platze, das hatte man herausbekommen; es galt also nur, unbemerkt einzudringen, die Aufgaben abzuschreiben und alsbald wieder zu verschwinden.