Der Schlaftrunk
Von Richard Schaukal
Der Vater mehrerer gesunder schöner Kinder, Besitzer eines großen, auf viele Millionen geschätzten Unternehmens, Bewohner eines geräumigen bequemen Hauses, außerdem ein vollkommen gesunder Mann von angenehmer Gesichts- und Körperbildung, einem vorzüglichen Appetit und im selbsterworbenen Genusse mancher nützlichen Kenntnisse, übrigens eigentlich anspruchslos und in einer schönen Gegend durch lohnende Spaziergänge täglich zum besten unterhalten, begann, da er einige Stunden einer Nacht mit einem ungewöhnlichen peinigenden Gedanken schlaflos verbracht hatte, dem Glauben Raum zu geben, er leide an beständiger Schlaflosigkeit. Als dieser Glaube durch häufiges Übersinnen des Einfalls ihm zur Gewißheit geworden war, verlor er den Appetit, alterte sichtlich, erlebte viel Ärgerliches an seinen Kindern, wurde von plötzlichen quälenden Sorgen um sein Unternehmen angefallen und durch anhaltendes schlechtes Wetter an seinen Spaziergängen gehindert. Da seine Laune sich unangenehm im Kreise der Familie bemerkbar machte, verfiel der älteste Sohn nach häufigen und erfolglosen Beratungen mit Ärzten und Freunden auf ein ihm glücklich dünkendes Mittel, das er sofort in Anwendung brachte. Er ließ durch einen fremden, sehr gerühmten Gelehrten, dem er seinen Plan vorgetragen und genehm gemacht hatte, dem Vater täglich zwei Tropfen eines leichten ungarischen Weines als angeblichen Schlaftrunk verschreiben, und dieser, sobald er das Mittel versucht hatte, behauptete, es leiste ihm vorzügliche Dienste, wachte sorgfältig über dessen tägliche Vorbereitung, nahm an Appetit zu, erholte sich körperlich, scherzte im Kreise seiner Kinder täglich bis zur festgesetzten Schlafensstunde und war, da gutes Wetter eintrat, er also seine Spaziergänge aufnehmen konnte, innerhalb weniger Wochen wieder ein rüstiger und behaglich lebender Mensch geworden.
Der lächelnde Tod
Von Wilhelm Schussen
Einen Mann namens Heinrich, der ein schönes Weib namens Elise geehelicht hatte, traf eine große Heimsuchung. Als nämlich seine Frau wieder einmal unter höchsten Nöten niederkam, wußte er, daß sie das nächste Mutterglück mit ihrem Leben bezahlen müßte. Da schwuren die beiden, aus eigenem Antrieb und auf das Drängen des Arztes hin, aller Liebeslust zu entsagen. Und Heinrich nagelte im ersten heiligen, zornigen Eifer ein leibhaftiges Totengerippe ans Fußende des Ehelagers, auf daß sie, so sie etwa schwach und wankend würden, allzeit einen ganz furchtbaren Prediger in der Nähe hätten. Nach einiger Zeit brachte Heinrich dann noch ein rotes Lämpchen über dem Gerippe an. Das wirkte. Der Prediger blieb wach und schrecklich und stieg bis in ihre Träume hinab, und wenn sie nachts erwachten, wagten sie es nicht, die Augen zu öffnen. – – – – – – – – – – – – –