Früher fuhr ich jeden Nachmittag mit der Vorortbahn in die Stadt. Auf der Fahrt wurde rechts vom Gleis für wenige Sekunden zwischen Häusern ein Stück Friedhof sichtbar, mit Blumengräbern und Grabmonumenten. Auf einer neuen Grabparzelle war täglich eine schwarzgekleidete Frauengestalt zu sehen, die mit Schaufel, Harke und Gießkanne arbeitete, den Efeu aufband, die Sträucher beschnitt oder Blumen pflanzte. Es war offenbar eine Witwe, die ihren Mann dort begraben hatte. Nach einiger Zeit tauchte auf dem Grabgrundstück nebenan ein Mann gesetzten Alters auf, der, wie es schien, das Grab seiner gestorbenen Frau pflegte und mit der Nachbarin an Sorglichkeit und Liebe wetteiferte. Zuerst blieb jeder für sich. Eines Tages aber, als der Zug vorüberfuhr, sah ich die beiden Leidtragenden über den niedrigen Erdwall weg miteinander sprechen. Einige Tage später – es war ein heißer Sommer – fuhr mein Zug gerade vorbei, als der Mann der Frau ein gefülltes Weißbierglas hinüberreichte und sie zum Trinken einlud. Und wieder nach einigen Tagen hatte der Mann seinen Rock beim Arbeiten ausgezogen, er plauderte schon vertraulich heiter mit der Nachbarin, und die Große Weiße stand zwischen beiden auf dem kleinen Grenzwall, wie ein gemeinsamer Besitz. Jetzt aber mit Himbeerschuß. Und dann kam ein Tag, wo der Witwer hinübergegangen war zur Witwe, und wo sie ihm alle Herrlichkeiten ihres Grabgartens mit errötendem Eifer zeigte. Noch eine kurze Zeit, und ich sah die beiden Trauernden in dem Gärtchen der Frau auf einem Bänkchen vor dem Leichenstein nebeneinander sitzen, Hand in Hand, sich verliebt ansehend und schnell auseinanderfahrend, als der Zug vorüberrasselte. Fortan blieben die Gärtchen leer. Die Blumen vertrockneten, auf den Wegen wuchs Gras, und der Efeu überrankte die Namen der Toten.
Die Zeitungen
In einem Neubau hatten die Stubenmaler ihre Gerüste aufgeschlagen, um die Decken zu bemalen. Sie standen oben auf den Brettern, den Kopf im Nacken, Ornamente schablonierend und pinselnd. Unter dem Gerüst hatten zwei Tapezierer ihren Tisch aufgestellt. Sie waren beschäftigt, die unteren Wände mit Makulatur zu bekleben. Dabei unterhielten sie sich eifrig. Sie sprachen von den Berliner Tageszeitungen und konnten nicht recht einig werden. Der eine behauptete: »Das einzige vernünftige Blatt in Berlin ist die »Vossische«.« »Nein,« erwiderte der andere, »die »Kreuzzeitung« ist mir lieber.« »Die ist auch gut,« gab der erste zu, »aber nicht so gut wie die »Vossische.« »Tägliche Rundschau« geht übrigens auch an.« »Ach, damit bleib mir vom Leibe,« rief der zweite, »das ist lappriges Zeug. Dann kannst du ja auch nur gleich »Tageblatt« und »Lokalanzeiger« sagen. Und das sind doch die schlechtesten Blätter in Berlin. Mosse und Scherl, das ist Jacke wie Hose.« »Ein Blatt ist doch noch schlechter,« sagte der andere, »das ist das allerschlechteste.« »Na, welches?« »Der »Vorwärts«!« »Da hast du recht, mit dem ist überhaupt nichts anzufangen.«
Die Maler auf der Rüstung wurden unruhig. Einer rief hinab: »Na, ihr seid ja schöne Genossen. Der eine ist für die Junker, und der andere ist für die Bourgeois. Und ihr wollt Arbeiter sein?« Die Tapezierer antworteten grob, und ein Streit begann. »Wer so von dem »Vorwärts« spricht, ist ein Verräter,« schrie einer der Maler. »Und wer mir den »Vorwärts« hier auf den Tisch legt, dem schmeiß ich ihn an den Kopf,« schrie einer der Tapezierer zurück, »was verstehst du überhaupt vom Tapezieren!« »Na, vom Tapezieren versteh ich nichts, aber von der Politik verstehe ich was,« rief der Maler. »Was geht uns denn deine Politik an?« sagte verwundert der Tapezierer. »Wir reden hier doch von der Makulatur, von der Güte des Papiers.« »Ach so,« sagten die Maler, »sie reden von der Makulatur!«
Moral: Der Mensch ist immer noch mehr Tapezierer als Politiker.
Darwinismus im Ausverkauf
»Eritis sicut deus«.
Vor einigen Jahren, als die Bevölkerung Deutschlands, vor allem die Berlins, durchaus wissen wollte, ob Christus gelebt hat, hielt ein berühmter Professor des Monismus (so darf man ja wohl sagen) vor einem großen Zuhörerkreis einen Vortrag über diese neugierige Frage. Im Laufe seiner freigeistigen Rede, in der Christus durch Darwin ersetzt werden sollte, sprach der Vortragende von dem natürlichen Werden alles organischen Lebens, er rekapitulierte die Leitsätze des Darwinismus und wies u. a. nach, in welcher Weise sich die Lunge der atmenden Geschöpfe aus der Luftblase der Fische entwickelt hätte. »Ja, meine Damen und Herren,« rief er in den Saal, mit einem triumphierenden Seitenblick auf eine Anzahl kampfbereit zuhörender Pastoren, »wie haben wir uns diese Entwicklung denn vorzustellen? Wir müssen sie uns folgendermaßen denken: eines Tages wurde ein Fisch von den Brandungswellen an den Strand geworfen. Da stand der Fisch nun vor der Frage: du mußt entweder zugrunde gehen, oder du mußt deine Luftblase in eine Lunge verwandeln, um in der Luft weiterleben zu können – eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Der Fisch tat natürlich das letztere – und so, meine Damen und Herren, entwickelte sich aus der Blase des Fisches …«
Kein Schmerzensschrei wurde hörbar.