Im Schatzkästlein steht die Geschichte des deutschen Binnenländers, der in die große Stadt Amsterdam kommt und vor einem stolzen Schiff, einem prächtigen Haus und einem gewaltigen Begräbnis fragt: Wer ist es, dem dies gehört? »Kannitverstan«, ist die Antwort, und er beneidet den reichen Mann nicht mehr.
Eine gute Geschichte; Pointe und Moral darin, Treuherzigkeit und Humor. Als Knabe las ich sie im Lesebuch; sie hat mir so gefallen, daß ich sie nie vergaß. Und später, als ich auf Reisen ging, in fremde Städte kam, ging sie mir erst recht auf.
In ihrem Reiz war eine Aufforderung, wie jener junge Deutsche über vier, fünf Eindrücke aufs Geratewohl Eingeborene um Auskunft anzugehen und ein unbekanntes Wort zu erhalten, das ein Band schlang, wo keines war und einen Sinn, wo Sinn fehlte.
Sehr jung, in Weltlichkeit nicht eingeweiht, stieg ich am Ostbahnhof in Paris ab und begann sofort kreuz und quer herumzustreifen. Da stieß ich auf ein Wort, das sich immer, immer wiederholte: Dubonnet.
Zuerst bemerkte ich es in der Metrobahn, alle hundert Meter an den Wänden des Tunnels. Ich setzte mich auf Bänke in den Parks. Dubonnet stand auf der Lehne wie bei uns im Lande der Ordnung »Nur für Erwachsene«.
Wo Löcher in den Häuserzeilen häßlich gleich Lücken in den Zähnen eines Menschen klafften, prangte blau das Wort Dubonnet, auf den Firsten der Dächer flammte es nächtlich auf, in den Zeitungen füllte es halbe Seiten, umrahmt von leerem Weiß: Dubonnet, sonst kein Wort.
Dubonnet wiederholte ich, und als ich es fünfzigmal nachgesprochen hatte, wurde es wie ein mystischer Ruf, Symbol des Geheimnisvollen in der Wirklichkeit. Die Griechen hatten dem unbekannten Gott einen Tempel gebaut, war es nicht denkbar, daß in der Großstadt ein Wort der Gesinnung, Mahnung und fernen Weite metaphysisch rief?
Auf einer Kaffeehausterrasse erfuhr ich die Lösung des Rätselworts; es bestellte einer einen – Dubonnet. Zuerst war ich enttäuscht, dann lachte ich, so fröhlich, daß man sich nach mir umsah. Lehre war es, daß es in der Großstadt keine Mystik gibt – wie, warum denn nicht?
Nun wollte ich sie, und wenn es mir gefiel, Dubonnet einen Klang wie dem erhabenen Feldgeschrei einer Religion zu geben, wer konnte mich daran hindern? »Dieu le veut« riefen die Kreuzritter, warum ich nicht Dubonnet?
So wurde mir Dubonnet, was jenem Jüngling Kannitverstan gewesen war, Laut des Tiefsinns, Gleichnis, Wort der eignen Souveränität, die ihren Willen setzt. Gruß, Vater Hebel, dir.