Dies ist die Geschichte von einem, der Hans Leichtfuß hieß, und der auf den Stufen eines Brunnens schlief, weil ihm kein Bett gehörte. Aber als er eines Morgens erwachte, gehörte ihm Rom; denn ein großer Herr, der erst am hellen Morgen nach Hause ging, hatte Gefallen gefunden an seinen hellen Locken und an den Schatten um seine geschlossenen Lider. Er ließ ihn in seinen Palast tragen und sorgte dafür, daß ihm mit äußerster Vorsicht neue Kleider angelegt wurden: weißseidene Schuhe, Strümpfe und Hosen, ein grüner, gestickter Rock, – denn er hoffte, wenn Nino in diesem prinzlichen Staat erwache, werde er zu lachen geben.
Nino aber lachte selbst, sobald er die Augen aufschlug, sehr befriedigt von den Kavalieren, die ihn bekomplimentierten. Ihre Perücken schleppten vor ihnen her am Boden, so oft verbeugten sie sich. Er dehnte sich sodann mit solcher Anmut, dem Lakaien, der die Schokolade verschüttete, gab er so gewandt eine Ohrfeige, und setzte sich mit solcher Sicherheit auf das Lieblingspferd des großen Herrn, daß dieser endlich sagte: »Halt! Du tust ja, als ob du ein Prinz wärest.« – »Sie meinen?« entgegnete Nino. Der Herr verstand Scherz. »Du sollst wirklich einer sein. Aber vorher mußt du beweisen, daß du Mut, Artigkeit und Redekunst besitzest. Diese Eigenschaften zu besitzen, ist leicht für den, der schon in den Kleidern eines Kavaliers steckt. Darum sollst du sie in deinen alten Kleidern zeigen.« – »Alte? Ich habe nie etwas altes getragen.« – Man zog sie ihm an. »Ich lasse die Verkleidung gelten,« sagte Nino. Er sah sich den Kutscher des Hauses an: »Das ist ein starker Mann, ich wage es.«
Als der Herr mit seiner schönen Tochter daherfuhr, legte Nino sich über den Weg, den Hals gerade vor das rechte Rad. Rechts saß das junge Mädchen, es kreischte angstvoll. Der Kutscher riß an den Zügeln, das Rad berührte Ninos Hals. Der Herr wollte herausspringen, aber das Mädchen hielt ihn fest: »Du bist zu schwer, der Wagen würde einen Ruck bekommen, und er ist tot.« – Während die Pferde um seinen Kopf her mit den Hufen stießen, redete Nino:
»Sie kennen mich, schöne Prinzessin, ich bin einer der Knaben, die am goldenen Schlage Ihrer bunt bemalten seidenen Kutsche standen und die Hand hinhielten; ich aber ließ die meine sinken, weil Ihre Augen so groß und blau waren. Sie kennen mich, ich bin einer der Knaben, die am Küchenfenster Ihres Palastes die Düfte einatmeten und dabei ein Stückchen trockenes Brot aßen. Aber droben an Ihrem Fenster sah ich ein Stückchen von einer weißen Schulter mit einer goldenen Locke darauf – und ließ mein Brot einem anderen. Sie kennen mich, ich bin einer der Knaben, die die Stäbe Ihres goldenen Parkgitters mit den Händen umfaßten, wenn auf den bunten Wiesen die Damen und die Herren Ball spielten. Ich aber sah Ihre goldenen Locken wehen und Ihre leichte Gestalt über die Blumen hinfliegen, ohne ihnen ein Leid zu tun – und umklammerte die Stäbe, sonst wäre ich über das Gitter fort in die glänzende Gesellschaft mitten hinein und Ihnen zu Füßen geflogen. Und weil ich mich noch nicht fest genug gehalten habe, liege ich jetzt mit dem Halse unter den goldenen Rädern Ihrer Galakutsche und sage Ihnen, wie schön Sie sind, und wie sehr ich Sie liebe.« (Dabei zitterte Ninos Stimme.) »Und gleich wird Ihr Kutscher, wenn er auch stark ist, die Pferde nicht mehr halten können, und ich sterbe für Sie. Denn die Leute, die hier in Haufen umherstehen, werden sich hüten, mich unter Ihren Rädern hervorzuziehen. Sie sind den schönen Reden viel zu geneigt und viel zu begierig auf anregende Schauspiele, um diesem unterhaltenden und spannenden Auftritt vor der Zeit ein Ende zu machen.«
»Aber ich tue es!« rief das junge Mädchen, hüpfte aus dem Wagen und hob Nino auf. »Wer bist du?« – »Ich bin Prinz Nino, Ihr Herr Vater kennt mich.« Der große Herr schnaubte zornig: »Was ist das für eine Komödie? Was fällt dir ein, Betteljunge?« – Nino erwiderte ruhig und vornehm: »Sie wollten, daß ich eine Komödie als Betteljunge spielen sollte. Ich, der Prinz, sollte beweisen, daß ich auch als Betteljunge Mut, Artigkeit und Redegewandheit besitze. Ist es nicht mutig, wenn ich den Hals vor die Räder einer Kutsche lege, die von zwei wilden Hengsten gezogen wird? Ist es nicht artig, wenn ich es zu Ehren einer Dame tue? Und werden mir nicht alle Anwesenden bezeugen, daß ich, selbst noch in einer ungewöhnlichen und halsbrecherischen Lage, zu reden verstehe?« – Der Herr lachte laut, ließ Nino die Prinzenkleider wieder anziehen und vermählte ihn mit seiner Tochter.
Der Fund
Von Paul Ernst
Ein junger Mann namens Boppo hat treu und ehrlich lange Jahre einem Kaufmann gedient. Wenn die Frauen kamen und für einen Soldo Öl verlangten, so maß er ihnen das Öl in ihre Flaschen, indem er mit spitzen zwei Fingern das Maß hielt und die anderen drei Finger zierlich spreizte, dann den Trichter schwungvoll aus der Flasche zog, ihn noch einmal aufstieß, daß auch der letzte Tropfen in die Flasche lief, und ihn endlich mit sicherem Augenmaß wieder in sein Loch im Ständer stellte; wenn sie eine Tüte Pfeffer haben wollten, so riß er unbarmherzig aus einem schönen alten Buch ein Blatt, rollte es fix in der Hand zur Tüte, schob mit elegantem Schwung des Beines die Stehleiter zu sich, kletterte leicht nach oben, zog den Kasten halb vor und nahm mit dem Schäufelchen Pfeffer heraus, stieg dann herunter, indem er der entzückten Frau eine Schmeichelei sagte, legte die Tüte auf die Wage und schüttete mit dem Schäufelchen, sorgfältig prüfend, als wiege er Gold ab, die Pfefferkörner in die Tüte.