Holstein.

81.

Kaiserlich
Deutsche Botschaft.

Pera, den 17. Juni 1915.

Die Austreibung der armenischen Bevölkerung aus ihren Wohnsitzen in den ostanatolischen Provinzen und ihre Ansiedelung in anderen Gegenden wird schonungslos durchgeführt.

Nach den glaubwürdigen Angaben des Katholikos von Sis sind allein aus seiner Diözese bisher 30000 Armenier deportiert worden. Zeitun und Umgegend, Albistan, Dörtjol, Alabasch, Hassan-Beyli und selbst kleinere Ortschaften sind vollständig geräumt. Hier wie anderwärts werden die Bewohner über das Innere zerstreut und unter Muhammedanern angesiedelt, zum Teil in weit voneinander entfernten Gegenden, wie z. B. die Bewohner von Zeitun, die teils nach der Umgegend von Konia, teils nach Der es Zor am Euphrat verpflanzt wurden. Die Armenier von Erzerum sind nach Terdjan (Mamahatun) geschafft worden.

Die Ausgesiedelten werden gezwungen, sofort oder in wenigen Tagen ihre Wohnsitze zu verlassen, so daß sie ihre Häuser und den größten Teil ihrer beweglichen Habe im Stiche lassen müssen und sich nicht einmal mit den notwendigsten Subsistenzmitteln für den Transport versehen können. Bei der Ankunft an ihrem Bestimmungsort stehen sie hilf- und wehrlos inmitten einer ihnen feindselig gesinnten Bevölkerung da. An einzelnen Stellen ist es schon während ihrer Überführung zu Ausschreitungen gekommen; die von Diarbekr nach Mossul abgeschobenen Armenier sollen unterwegs sämtlich abgeschlachtet worden sein. Daß die Regierung die Ausgetriebenen mit Geld, Nahrungsmitteln oder sonst unterstützt, ist ausgeschlossen; in Erzerum haben der Kaiserliche Konsul und die amerikanischen Missionare helfend eingegriffen, anderwärts das hiesige armenische Patriarchat.

Daß die Verbannung der Armenier nicht allein durch militärische Rücksichten motiviert ist, liegt zutage. Der Minister des Innern, Talaat Bey, hat sich hierüber kürzlich gegenüber dem zurzeit bei der Kaiserlichen Botschaft beschäftigten Dr. Mordtmann ohne Rückhalt dahin ausgesprochen, „daß die Pforte den Weltkrieg dazu benutzen wollte, um mit ihren inneren Feinden (den einheimischen Christen) gründlich aufzuräumen, ohne dabei durch die diplomatische Intervention des Auslandes gestört zu werden“.

Der armenische Patriarch äußerte einige Tage später zu demselben Beamten, daß die Maßregeln der Pforte nicht nur die zeitweilige Unschädlichmachung der armenischen Bevölkerung, sondern ihre Austreibung aus der Türkei, oder vielmehr ihre Ausrottung bezweckten. Die Deportierung sei ebenso schlimm wie ein Massakre, und es würde nicht zu verwundern sein, wenn die Armenier sich schließlich zur Wehr setzten, selbst ohne Aussicht auf Erfolg „wie ein gequältes Tier, das gegen seine Peiniger ausschlägt“. Er scheint die Hoffnung aufgegeben zu haben, durch Schritte bei der türkischen Regierung eine Wendung zum Besseren herbeiführen zu können. Er ist nach wie vor — und wie wohl alle Armenier, soweit sie Kenntnis von den Vorgängen haben — der Überzeugung, daß die von der Regierung den Armeniern vorgeworfenen Ausschreitungen durch das Vorgehen der Behörden hervorgerufen worden sind.

Wangenheim.