Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 16. Juli 1915.
Euere Exzellenz beehre ich mich anbei Abschrift eines Berichts des Kaiserlichen Vizekonsuls in Samsun vom 4. d. M. über Armenieraustreibungen zu überreichen. Ich habe Herrn Kuckhoff mitgeteilt, daß ich mit seiner Haltung und seinen Ausführungen einverstanden sei, ihn auch mit Weisungen wegen Sicherstellung der deutschen Interessen zu versehen. Meine Einwirkungen bei der Pforte versprechen leider nur geringen Erfolg.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
Anlage.
Kaiserlich
Deutsches Vizekonsulat.
Samsun, den 4. Juli 1915.
Die Maßregel der Deportation — anscheinend für alle anatolischen Wilajets gültig, ist von einer Härte und dem Menschlichkeitsgefühl so widerstrebend, daß sie nicht gleichgültig hingenommen werden kann. Es handelt sich um nichts weniger als um die Vernichtung oder gewaltsame Islamisierung eines ganzen Volkes, dessen Angehörige an der revolutionären Bewegung keinen direkten Anteil hatten, also unschuldige Opfer sind. Die Art der Ausführung des Verbannungsbefehls droht Formen anzunehmen, die nur in der Judenverfolgung Spaniens und Portugals ein Gleichnis finden. Die Regierung entsandte fanatische, strenggläubige muhammedanische Männer und Frauen in alle armenischen Häuser behufs Propaganda für den Übertritt zum Islam, selbstverständlich unter Androhung der schwersten Folgen für diejenigen, die ihrem Glauben treu bleiben. Soviel mir bekannt, sind bis heute hier schon viele Familien übergetreten und täglich vermehrt sich deren Zahl. Die Mehrheit der Unglücklichen widerstand bis jetzt den Lockungen und wurde täglich gruppenweise ins Innere getrieben. Fast keinem verblieb Zeit zur Regelung seiner Angelegenheiten. Nur mit dem Notdürftigsten versehen, mußten sie ihr Heim und Hab und Gut im Stiche lassen. Wie ich erfahre, werden sie an nicht entfernten Punkten jetzt zurückgehalten, um dort noch gründlicher für den Islam bearbeitet zu werden; einige von ihnen kehrten zu diesem Zwecke auch nach hier zurück. In der Umgebung von Samsun sind alle armenischen Dörfer muhammedanisiert worden, ebenso in Unieh. Vergünstigungen wurden, außer den Renegaten, niemandem zuteil. Alle Armenier ohne Ausnahme: Männer, Frauen, Greise, Kinder bis zum Säugling, Altgläubige, Protestanten und Katholiken — welch letztere sich nie einer nationalen revolutionären Bewegung anschlossen und auch von Abdul Hamid verschont wurden — mußten fort. Kein christlicher Armenier darf hier bleiben; selbst nicht solche ausländischer Staatsangehörigkeit; letztere sollen ausgewiesen werden. Der Bestimmungsort der Samsuner Verbannten ist nach Aussage des Mutessarrifs Urfa.
Es ist selbstverständlich, daß kein christlicher Armenier dieses Ziel erreicht. Nachrichten aus dem Innern melden bereits das Verschwinden der abgeführten Bevölkerung ganzer Städte.