Meine bisherige telegraphische und schriftliche Berichterstattung dürfte dargetan haben, daß die türkische Regierung über den Rahmen berechtigter Abwehrmaßregeln gegen tatsächliche und mögliche armenische Umtriebe weit hinausgegangen ist, vielmehr durch die Ausdehnung ihrer Anordnungen, deren Durchführung sie in der härtesten und schroffsten Weise den Behörden zur Pflicht gemacht hat, auch gegen Frauen und Kinder, bewußt den Untergang möglichst großer Teile des armenischen Volkes mit Mitteln herbeiführen bestrebt ist, welche dem Altertum entlehnt sind, einer Regierung aber, die mit Deutschland verbündet sein will, unwürdig sind. — Sie hat, wie wohl kein Zweifel sein kann, die Gelegenheit, da sie sich im Kriege mit dem Vierverband befindet, dazu benutzen wollen, um sich der armenischen Frage für die Zukunft zu entledigen, dadurch, daß sie möglichst wenige geschlossene armenische Gemeinden übrig läßt. Hekatomben Unschuldiger hat sie mit den wenigen Schuldigen geopfert.

Wäre es nicht möglich, noch jetzt weiteren Greueln Einhalt zu tun und wenigstens die Armenier aus dem Küstenstrich des Wilajets Aleppo noch zu retten, deren Verschickung erst noch bevorsteht? Sollte aus militärischen Gründen ihre Verschickung unumgänglich notwendig sein, könnte nicht wenigstens ihr Transport um ein bis zwei Monate hinausgeschoben und sorgfältig vorbereitet werden durch Bereitstellung der nötigen Tragtiere und Lebensmittel? Könnten sie nicht in den Städten Aleppo oder Urfa bleiben, mit dem schon jetzt auszusprechenden Recht späterer Rückkehr? Die türkische Regierung hat in einer in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vom 9. Juni veröffentlichten Denkschrift, „Die Ottomanische Regierung gegen feindliche Beschuldigungen“, behauptet, daß die Verschickungen zeitweilig seien. Sie hat erklärt: „Wenn gewisse Armenier zeitweilig auf andere Reichsgebiete übersiedeln mußten, so geschah das, weil sie im Kriegsgebiet wohnten...“ Könnte sie hier beim Wort genommen werden? Sind Beilan, Soukluk, Kessab u. a. wirklich Kriegsgebiet? Ist die Anwesenheit von Frauen und Kindern dort gefährlich, da doch die Männer so gut wie alle eingezogen sind?

Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung veröffentlicht am 13. Juli in Nr. 192, erste Ausgabe, eine Erklärung der offiziösen osmanischen Depeschenagentur „Agence Milli“, welche gegen die Behauptung der „Gazette de Lausanne“ protestiert, die osmanische Regierung leihe den gegen die in der Türkei lebenden Armenier begangenen Ausschreitungen ihren Schutz und diese Ausschreitungen beständen häufig in Metzeleien.

Leider wird sich vieles für diese Behauptung der „Gazette de Lausanne“ sagen lassen.

Mein telegraphischer Bericht über die ungewöhnlich gut bezeugten Metzeleien in Teil Ermen lag bei Veröffentlichung des Dementis bereits vor. Diese von Kurden vorgenommenen Metzeleien sind nachgewiesenermaßen im Beisein der bewaffneten Macht der türkischen Regierung, wahrscheinlich aber unter deren aktiver Teilnahme vor sich gegangen.

Die türkische Regierung hat ihre armenischen Untertanen, wohlgemerkt unschuldige, unter dem Vorwande, sie aus dem Kriegsgebiet entfernen zu müssen, zu Tausenden und Abertausenden[77] in die Wüste getrieben, weder Kranke noch Schwangere noch die Familien der zu den Waffen einberufenen Soldaten ausgenommen, hat sie ungenügend und unregelmäßig ernährt und mit Wasser versorgt, hat nichts gegen die unter ihnen ausgebrochenen Epidemien getan, hat die Frauen in Not und Verzweiflung getrieben, daß sie ihre Säuglinge und ihre Neugeborenen am Wege ausgesetzt, ihre dem mannbaren Alter entgegengehenden Mädchen verkauft, daß sie sich selbst mit ihren kleinen Kindern in den Fluß gestürzt haben, sie hat sie der Willkür der Begleitmannschaft und damit der Schande preisgegeben, einer Begleitmannschaft, die Mädchen an sich genommen und verkauft hat, sie hat sie den Beduinen in die Hände gejagt, die sie ausgeplündert und entführt haben, sie hat die Männer in einsamen Gegenden ungesetzlich niederschießen lassen und läßt die Leichen ihrer Opfer den Hunden und den Raubvögeln zum Fraß, sie hat angeblich in die Verbannung geschickte Abgeordnete ermorden lassen; sie hat Sträflinge aus den Gefängnissen entlassen, in Soldatenkleider gesteckt und in die Gegenden geschickt, wo die Verbannten durchziehen mußten, sie hat tscherkessische Freiwillige angeworben und sie auf die Armenier hingelenkt. Was aber behauptet sie in ihrer halbamtlichen Erklärung „Die Osmanische Regierung... erstreckt ihren wohlwollenden Schutz auf alle ehrlichen und friedlichen in der Türkei lebenden Christen...“

Fürwahr, ich habe meinen Augen nicht getraut, als ich diese Erklärung gesehen habe, und ich finde keinen Ausdruck, um den Abgrund ihrer Unwahrheit zu kennzeichnen. Denn die türkische Regierung wird die Verantwortung für alles, was geschehen ist, auch soweit es aus mangelnder Fürsorge und Voraussicht, aus der Verderbtheit der ausführenden Organe und aus den an Anarchie grenzenden Zuständen der östlichen Teile ihres Gebietes hervorgeht, nicht ablehnen können, hat sie doch die Verbannten mit Vorbedacht in dieses Chaos hineingetrieben. Die Verantwortung wird auch dann auf ihr lasten, wenn sie die Herrschaft über die von ihr gerufenen Elemente verlieren sollte, wie es besonders im Wilajet Diarbekr leicht sich ereignen könnte. Wie hierzulande die Vernichtung der Armenier auf deutsche Anregung zurückgeführt wird, so versucht die türkische Regierung vor der europäischen Öffentlichkeit ihre Handlungsweise durch unsere Autorität zu decken.

Euerer Exzellenz aber darf ich gehorsamst anheimstellen, in Erwägung ziehen zu wollen, ob türkische Erklärungen zur Armenierfrage noch ferner zur Veröffentlichung in der deutschen Presse geeignet sind und ob nicht Gefahr besteht, daß wir durch unseren Verbündeten kompromittiert werden.

Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.