Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Aleppo, den 13. August 1915.
Der Diakon Künzler aus Urfa hatte seinen mit Bericht vom 11 d. M. eingereichten Brief mit den Worten geschlossen: „Über die Furchtbarkeit der Frauen- und Kindertransporte wird Ihnen ein Augenzeuge mündlich berichten.“ Dieser Zeuge, ein Österreicher, der mir seit zwei Jahren genau bekannt ist und für dessen Wahrheit in der Darstellung ich persönlich einstehe, hat zur Erholung einige Wochen in einem Weinberge bei Urfa mit seiner Frau zugebracht, ist aber vorzeitig zurückgekehrt, weil er die Greuel nicht länger mit ansehen mochte. Auf meinen Wunsch hat er einige seiner Beobachtungen in der in anliegender Abschrift gehorsamst eingereichten Aufzeichnung niedergelegt. Übrigens ist er auf dem Wege von Urfa nach Arab Punar einem sehr ernsten Raubanfall ausgesetzt gewesen, den er hat zurückschlagen können, weil die Räuber nicht darauf vorbereitet waren, daß er Feuerwaffen bei sich hatte und weil ihm einige von den Angreifern nicht bemerkte Kutscher zu Hilfe eilten. Offenbar haben die Räuber einem Zuge Armenier aufgelauert. Die Frau des Österreichers liegt an den Folgen des Schrecks noch jetzt krank.
Der Vertreter der deutschen Orient-Handels- und Industriegesellschaft, Teppichmanufaktur Urfa, Herr Franz Eckart, hat den in anliegender Abschrift gehorsamst beigefügten Brief vom 5. August an mich gerichtet. Dieser Brief, sowie die allgemeine Lage in Urfa hat mich veranlaßt, ein Schreiben an den Mutessarrif in Urfa zu richten, in dem ich ihm den Schutz der dortigen Deutschen für ihre Person, für ihr Personal und für die Ausübung ihrer Tätigkeit besonders empfohlen habe.
Über einen weiteren aus Adiaman abgegangenen Trupp sind mir, wie in früheren ähnlichen Fällen, genaue Mitteilungen gemacht worden. Von 696, die Adiaman verließen, sind 321 in Aleppo angekommen; 206 Männer und 57 Frauen sind getötet worden, 70 Frauen und Mädchen und 19 Knaben sind entführt worden. Über den Rest fehlen die Angaben.
Ein aus Siwas am 12. d. M. hier angekommener Trupp war 3 Monate lang unterwegs und völlig erschöpft. Gleich nach der Ankunft sind einige gestorben. Vielfach hatte man ihm unterwegs das Wasser verweigert. Am Muradsu sind sie 14 Tage lang an einer Stelle im Kreise herumgeführt worden, in der Weise, daß sie tagsüber kein Wasser hatten. Die Zahl der Verluste bei diesem Trupp ist mir nicht bekannt geworden.
Wie mir der hiesige Wali, Beschir Sami Bey, heute mitteilt, ist die den katholischen Armeniern gewährte Vergünstigung wieder aufgehoben worden. Alle ohne Ausnahme werden verschickt. Auf der anderen Seite hat er erklärt, daß er Ungesetzlichkeiten oder Einflüsse unverantwortlicher Stellen in seinem Wilajet nicht dulden und gegen etwaige Missetäter auf das schärfste vorgehen werde. Leider verhindert dieser gute Wille nicht solches Unglück, das aus mangelnder Organisation und Vorbereitung erwächst. Es ist kein Zweifel, daß auch im Wilajet Aleppo, z. B. auf dem Weg von Bab nach Membidj, zahlreiche Frauen und Kinder an Erschöpfung zugrunde gegangen sind.
Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.