156.

Kaiserlich
Deutsches Konsulat.

Trapezunt, den 27. August 1915.

Bei der allgemeinen Deportation der Armenier aus Trapezunt blieben einzelne mit der mündlichen oder schriftlichen Genehmigung des Wali hier. Es handelt sich um die Beamten der Ottomanbank, der Tabakregie, zwei Frauen von Beamten und einige alleinstehende Frauen. Diese werden nun nachts abgeschoben und anscheinend unmittelbar vor der Stadt ermordet. Der Wali von Trapezunt ist wohl Mitglied des jungtürkischen Komitees, aber er war bestrebt, die Maßnahmen gegen die Armenier nach Möglichkeit abzuschwächen, und bemühte sich, seine Unabhängigkeit zu wahren. Auf seinen Einfluß dürfte die inzwischen erfolgte Abberufung des hiesigen Inspektors und Führers des Komitees zurückzuführen sein. Leider findet er bei seinen Beamten und den Polizeiorganen keinerlei Unterstützung. Sie bereichern sich mit geringer Ausnahme bei der Räumung der armenischen Häuser auf das schamloseste. So hat der Wali gegen die Verbrecher an armenischem Leben und Eigentum nicht aufkommen können. Andererseits müßte es seiner Natur widersprechen, machtloser Zuschauer der von ihm gemißbilligten Übeltaten zu bleiben. Hierauf dürfte es zurückzuführen sein, daß er das Feld geräumt und sich unter einem unbedeutenden Vorwand auf etwa drei Wochen ins Innere begeben hat.

Die geschilderten Vorkommnisse sind nicht nur im Hinblick auf das deutsche und das türkische Ansehen, sowie aus allgemein menschlichen Gründen bedauerlich, sie bieten auch die Gefahr, daß die Komiteeleute an einer derartigen mühelosen Bereicherung Gefallen finden und, falls jetzt keine Bestrafung erfolgt, im gegebenen Moment gegen die griechische Bevölkerung in derselben Weise vorgehen.

Bestrafung ist nur durch die Errichtung eines Kriegsgerichts in Trapezunt zur Untersuchung und Aburteilung der Angelegenheit möglich. Indessen wird die Stellung der Richter nicht leicht sein. Sie werden nicht nur Versuchen von Bestechung aus der armenischen Beute ausgesetzt sein, sondern laufen auch Gefahr, durch ein Vorgehen gegen die Komiteeleute ihre Zukunft zu kompromittieren.

Ich habe der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel Abschrift dieses Berichts eingereicht.

Dr. jur. Bergfeld.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.