Die Regierung hat seit einigen Tagen anscheinend allgemeine Weisung erteilt, daß die Armenier, die noch in ihren Wohnsitzen sind, dort belassen werden. Die als verdächtig Bezeichneten werden aber doch verschickt. Unter den Emigranten in Aleppo ist die Zahl der täglichen Todesfälle von 25 auf 40, dann auf 60 gestiegen. Hier herrscht Dysenterie, auf anderen Stationen wütet der Typhus. Die Etappenstraßen der Armee sind in Gefahr, verseucht zu werden. Es liegt daher im militärischen Interesse, daß die Emigranten ärztliche Behandlung erhalten.

Die Zahl der Hungerleidenden wird immer größer. Hilfe in irgend einer Gestalt wird immer dringender, z. B. Geldüberweisung durch den Patriarchen.

Rößler.

165.

(Kaiserliches
Konsulat Adana.)

Telegramm.

Abgang aus Adana, den 10. September 1915.
Ankunft in Pera, den 10. September 1915.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Die von der Pforte der Kaiserlichen Botschaft gemachte Mitteilung vom 31. August bezüglich der Armenier ist lediglich eine dreiste Täuschung, weil nachher die Pforte auf Betreiben des hierher entsandten Inspektors An Munif Bey diese Verfügung vollkommen aufgehoben hat. Die Behörden handeln selbstredend nur nach der zweiten Weisung und fahren mit der Ausweisung ohne Unterschied des Bekenntnisses fort. Die Zahl der auf Order ermordeten Armenier übersteigt hier wahrscheinlich schon die Masse der Opfer der jungtürkischen Massakres von 1909[90]. Es ist möglich, daß die nichtdeutsche Presse trotz der bisher von türkischen Konsuln veranlaßten Dementis den Greueln näher treten wird.

Übrigens hatte der hiesige Komiteeführer, wenn die Armenier nicht deportiert würden, mit allgemeinem Christenmassakre gedroht.