Im allgemeinen schenkt man alarmierenden Gerüchten in der Türkei wenig Aufmerksamkeit, weil man weiß, daß viel übertrieben wird, aber auch weil man der heutigen Regierung möglichst viel Armfreiheit gewährt. Die heutige Regierung ist ganz zu Unrecht in den Geruch einer liberalen gekommen. Sie ist alles eher als dieses, sie ist absoluter, diktatorischer als die Abdul Hamids war. Die Presse ist geknebelt und kennt nur das Lob der jetzigen Machthaber.

So sprach man von strengen Maßregeln, die die Regierung gegen die Armenier wegen des Aufstandes in Wan in Anwendung brachte, als von einer gerechten Selbsthilfe, zu der der Staat greifen muß, um Ordnung zu schaffen. Die Schuld der Armenier erschien um so größer, als sie sich im Pakt mit dem Nationalfeinde, dem Russen, befanden, die der armenischen revolutionären Erhebung in Wan Vorschub leisteten.

Daß die Regierung mit eiserner Hand eingreift und niederzwingt, was sich loslösen will, ist ihr gutes Recht, denn das Land besteht aus vielen disparaten Elementen, die nur auf eine passende Gelegenheit warten, es den Armeniern nachzutun, und nichts wirkt nachteiliger, als Schwäche zu zeigen, wo nur Kraft das Ansehen der Regierung stärken kann. Aber sie muß, wenn der Freiheitsmantel nicht zum Popanz werden soll, eine Grenze, eine Beschränkung kennen und darf nicht statt Schuldige zu strafen, Unschuldige und Wehrlose vernichten, weil sie zur Rasse der Empörer gehören.

Es handelt sich heute um Opfer, wie sie die an Gewaltakten wahrlich nicht arme türkische Geschichte noch nicht kennt. Das ist eine erschütternde Wahrheit, die Hilfe erheischt von Jedem, der zu helfen imstande ist.

Ob die Opfer, die die Armenier gebracht haben, 500000 übersteigen oder nicht erreichen, ist im Prinzip gleichgültig. Was ins Gewicht fällt, ist die Ruhe und Selbstverständlichkeit, die bei der Verfolgung vor sich geht und von einem Selbstdünkel zeugt, der jeder fremden Einmischung spottet.

Es waren nicht Armenier, die meine tiefere Beschäftigung mit Ursachen und Folgen der Handlung der türkischen Regierung wachriefen, als Vertreter des Rechts und der Humanität zu erscheinen, es waren türkische Senatoren des hiesigen Senats, Männer von größtem Verdienst und tadellosem Charakter, die Ekel empfanden über Taten, die ihre Regierung mit unerschütterlicher Ruhe und Selbstverständlichkeit ausübte.

Als dann ein armenischer intimer Freund von mir, ein Zivilinspektor im Ministerium des Innern, der 26 Jahre lang als Conseiller légiste, als Vertreter von Gouverneuren und Generalgouverneuren, Agop Hamamdjan Effendi, mit großem Eifer und unerschütterlicher Loyalität beschäftigt war und plötzlich ohne Pension aus dem Dienst entlassen wurde, da verlangte ich Aufklärung, da dem ersten Schritte bald ein zweiter, vernichtender für das Leben einer Familie folgen konnte.

Von dem mir befreundeten Direktor im Ministerium des Innern, Hassan Fehmy Bey, bekam ich unter dem 14. September d. J. folgenden Bescheid: