Nichts war geschehen seitens der türkischen Regierung, um die Vertriebenen an den Ort ihrer Verbannung zu befördern. Die Bahnzüge waren durch den Truppentransport besetzt. Kein Armenier fand dort Platz. Für die Sicherheit auf dem Wege war keine Fürsorge getroffen.

Die Tschettäs, die alten Baschiboschuks vom Kriege 1877/78, waren wieder da, wo billig Beute zu machen und zu morden war, ohne dabei etwas zu riskieren. So tapfer der türkische Soldat ist und so menschlich er fühlt, wenn er nicht religiös aufgestachelt wird, so feige und unmenschlich ist der Irreguläre. Daß die Tschettäs von Jungtürken angestiftet und geführt wurden, wird mit Sicherheit behauptet.

In den Plätzen, wo Massakres der armenischen Bevölkerung stattfanden, wie in Baiburt, Marasch, Schabin-Karahissar, Angora, Malatia, wurden die Männer von der Familie getrennt. Was die Weiber in der Eile zusammenraffen konnten, führten sie mit sich. Die Tschettäs folgten den Zügen der Wehrlosen, beraubten, vergewaltigten und töteten, wie es ihnen beliebte. Ein türkischer Oberstleutnant, der an den Dardanellen kämpft und mit kurzem Urlaub in der Hauptstadt eintraf, erzählte weinend, was ihm seine Verwandten aus Trapezunt und Siwas über die türkischen Massakres an den Armeniern geschrieben hatten.

Von der hohen armenischen Geistlichkeit weiß man heute nur, daß der Bischof von Smyrna am Leben ist, mit der Ermordung der meisten anderen fürchtet der Patriarch rechnen zu müssen. Was mit den armenischen Kirchen, mit den durch Jahrhunderte gesammelten Schätzen in den Kirchen geschehen ist, weiß niemand. Jede Anfrage des armenischen Patriarchen beim Minister des Innern bleibt ohne Antwort.

Die Türken lassen sich gern loben. Zu früherer Zeit hörten sie das Lob und freuten sich darüber, ohne daß das Lob eine nachhaltige Wirkung auf ihr Verhalten ausübte. Heute nehmen die Jungtürken alles Lob für bare Münze und sonnen sich an ihrer Unfehlbarkeit.

Es ist wirklich Zeit, daß die so gänzlich überflüssigen Lobhudeleien den Türken gegenüber eingestellt werden. Will man doch in den höheren Schulen in Hessen die türkische Sprache als Lehrgegenstand einsetzen. Dies zu einer Zeit, da man durch die Straßen irrt, ohne sich durch die rein türkischen Inschriften der Schilder zurecht zu finden und die Türken alle Bescheinigungen über angekommene Wertsendungen dem Europäer bis auf seinen Namen in türkischer Sprache schicken, so daß man nicht wissen kann, ob man der Empfangsberechtigte ist, oder nicht. Man darf in der Sentimentalität doch nicht zu weit gehen und den an Größenwahn Leidenden nicht immer neuen Stoff für ihren unberechtigten Dünkel zuführen. Ein inspirierter Artikel des „Hilal“ verlangt, daß deutsche Professoren, die auf der hiesigen Universität dozieren wollen, nicht ihre Dolmetscher aus der Heimat mitbringen, sondern sie hier suchen und, um mit Erfolg zu lehren, sich bemühen müßten, das Türkische so zu erlernen, daß sie die Lehrgegenstände in dieser Sprache vortrügen. Ein anderer Leitartikel des „Hilal“ stellt Enver Pascha an Dispositionsfähigkeit, Willenskraft und genialer Ausführung auf gleiche Stufe mit Hindenburg.

Ohne Voreingenommenheit sehen die Dinge aber ganz anders aus. Die Expedition nach dem Suezkanal mußte versagen, da sie zu unrichtiger Zeit und mit ungenügenden Mitteln, als dem Mangel an schweren Geschützen und an Lasttieren, Kamelen, deren Lieferung man sich rechtzeitig beschaffen mußte, unternommen war.

Im arabischen Irak wurden die Türken durch den englischen Vormarsch überrascht und hatten von den langen Vorbereitungen zur Expedition seitens der Engländer in Basra keine Kenntnis. Die Expedition nach dem Kaukasus erfolgte mit ungenügend bekleideten Truppen, deren Bedürfnisse nicht gedeckt waren. Der Typhus, dem ein Armeekorps an Zahl zum Opfer fiel, war auf die schweren Strapazen zu schieben, die den Truppen ohne Grund und ohne Resultat zugemutet wurden. Wan ist noch in den Händen der Russen, die auch in der Nähe von Erzerum sind. Zum Schutz der Dardanellen ist viel geschehen. Die Truppen sind gut ausgerüstet und werden gut verpflegt. Nach den außerordentlichen Resultaten daselbst, die sich vor den Augen Europas vollziehen, wird die Kraft der Türkei beurteilt. Und doch lägen die Dinge auch dort anders, wenn dort nur Türken kommandierten. Die Bravour der Truppen tut es nicht allein. Die Türken sind keine Systematiker. Die meisten Generale verstehen nicht zu befehlen, sie können den Unterführern nicht in die Hand arbeiten. Sie bedürfen des Lehrers, der ihnen zeigt, wie der einzelne nur im Rahmen des Ganzen mit Erfolg tätig sein kann und ihnen daher den Blick für eine Offensive eröffnet, die ihnen noch fremd ist. Deutsche Arbeit kann hierbei Großes schaffen. Ihr unvergeßlicher alter Lehrmeister v. d. Goltz Pascha müßte noch einmal die Zügel in seine feste Hand nehmen und Einheitlichkeit in das ganze Getriebe bringen.

Enver Paschas Verdienst um die Ausstattung dieser türkischen Musterarmee an den Dardanellen soll gewiß nicht verkleinert werden; er hat geschaffen, was guter Wille und Fleiß und Aufgehen im Berufe schaffen kann. Ohne die Deutschen wäre es aber nicht so gegangen, wie es gegangen ist.

v. Tyszka,
Zeitungskorrespondent.