7. In der deutschen Kolonie Katharinendorf sind durch bewaffnetes Einschreiten der deutschen Kolonisten 152 Armenier aus einem von den Tataren veranstalteten Massaker gerettet worden.

Ich zweifle nicht, daß noch viele deutsche Offiziere, wo sie in die Lage kamen, gefährdeten Armeniern ihren Schutz angedeihen zu lassen, ebenso gehandelt haben. Es würde mir wertvoll sein, von deutschen Kriegsteilnehmern, die aus der Türkei zurückgekehrt sind, zur Vervollständigung meines Materials Mitteilungen über die Erfahrungen zu erhalten, die sie im Zusammenhang mit der Armenierverfolgung gemacht haben.

3. Militärischer Schade.

Die Rücksichtslosigkeit, mit der das Komitee trotz der gefährdeten Existenz des Reiches sein innerpolitisches Programm durchführte, wird dadurch charakterisiert, daß es bei der Durchsetzung weder die Interessen der Bundesgenossen noch die Interessen der Kriegführung respektierte. Die deutschen Unternehmungen in der Türkei, wie z.B. die Baumwollgesellschaft in Cilicien und die Teppichmanufaktur in Urfa, wurden durch die Austreibung der Armenier ihrer geschulten Arbeitskräfte beraubt, die deutschen Hospitäler ihres ärztlichen und Pflegepersonals, die Schulen und Waisenhäuser ihrer Lehrer und Gehilfen; den deutschen Banken und Handelshäusern wurden durch Konfiskation des armenischen Nationalvermögens die Sicherheiten für ihre Kredite genommen. Nicht einmal vor der Schranke der eigenen militärischen Interessen machte der rücksichtslose Verfolgungswille des Komitees halt. Daß sich auf den Etappenstraßen, die mit den unbeerdigten Leichen massakrierter und verhungerter Armenier besät waren, der Flecktyphus über das ganze Reich ausbreitete, danach fragte niemand. Daß durch die Abschiebung und Vernichtung der Armenier die Armee ihrer tüchtigsten Militärhandwerker, Hufschmiede, Chauffeure, die Regierung und die Banken ihrer eingearbeiteten Beamten, die Spitäler und Verbandplätze ihrer geschulten Ärzte und ihres Lazarettpersonals beraubt wurden, war die geringste Sorge. Selbst Einsprüche der Obersten Heeresleitung wurden leichten Herzens in den Wind geschlagen. In der kritischsten Periode August 1915 wurde der Generaldirektor der anatolischen Bahn durch den Befehl der Ausweisung von 850 geschulten armenischen Bahnbeamten vor eine Frage gestellt, die den Gang des Krieges unmittelbar beeinflussen mußte. Einen Aufschub der Maßregel zu erwirken gelang ihm zunächst nur dadurch, daß er erklärte, zur selbigen Stunde den Betrieb auf der ganzen Linie einstellen zu müssen. Erst nach langwierigen Verhandlungen und immer wiederholten starken Pressionen durch die Oberste Heeresleitung gelang es, den Aufschub in eine Aufhebung der Maßregel zu verwandeln und dadurch mit dem Bahnbetrieb auch das Leben von 850 Armeniern und ihrer Familien zu retten.

Noch Schlimmeres drohte der Bahnbaugesellschaft. Im Juni 1916 wurde zur Zeit der drängendsten Arbeiten am Amanustunnel durch die Austreibung von 2400 am Bau beschäftigten Armeniern die Zahl der Arbeiter ohne Befragen der Gesellschaft mit einem Schlage nahezu auf die Hälfte reduziert. Weitere Abtransporte drohten. Infolge Fehlens aller gelernten Arbeiter wurde der Fortschritt der Bauarbeiten und der Bahnhofsbetrieb mit den verbliebenen Arbeitern zu einem Ding der Unmöglichkeit. Anwerbung neuer Arbeiter war ebenfalls unmöglich. Einstellung ungelernter Arbeitersoldaten hätte die Bauzeit um mindestens 3 Monate verlängert. Im Amanustunnel drohten bei Einstellung der Arbeiten Einbrüche und damit andauernde Unterbrechung des Bahnbetriebes. Zugleich wurden zwei armenische Ärzte und 43 Apotheker und Pfleger aus dem Bahnspital vertrieben. Der auf Vorstellungen der Baugesellschaft vom türkischen Kriegsministerium gegebenen Gegenbefehl (18. Juni 1916) blieb wirkungslos. Die Vermittlung vom Großen Hauptquartier, Kriegsministerium und Auswärtigem Amt in Berlin erwirkte zwar den erneuten Befehl vom Kriegsminister an den Kommandanten der 4. Armee und den Wali von Adana, daß die ausgetriebenen Armenier nach ihren Arbeitsstellen zurückgeführt werden sollten. Der Wali aber erklärte (22. Juni), keinen Befehl zur Rückkehr der Vertriebenen erhalten zu haben, sondern nur einen Befehl, „die Zahl der noch zu Vertreibenden zu beschränken“. Der Wali versichert obendrein, daß er einen derartigen Befehl, auch wenn er ihn erhielte, nicht befolgen würde. Der Botschafter erklärte darauf (30. Juni) den Ministern Talaat Bey und Halil Bey, „die Maßregel mache den Eindruck, als ob die türkische Regierung selbst darauf bedacht sei, den Krieg zu verlieren“. Trotzdem inzwischen noch General v. Falkenhayn an Enver Pascha aus dem Großen Hauptquartier drahtlich von der „vollständigen Betriebseinstellung, deren Ende sich nicht absehen ließe“, in Kenntnis gesetzt und „ein unmittelbares deutsches Interesse wegen Behinderung des Nachschubs“ geltend gemacht hatte, geschah nichts, um den Widerstand zu brechen. Am 1. Juli berichtet der Botschafter, daß Talaat nochmals die Ausweisungsfrage mit Enver erörtern wolle und erläutert: „Ausweisung auf Komiteebeschluß zurückzuführen... auch Enver und Talaat Bey sind solchen fanatischen Beschlüssen gegenüber machtlos“. Und dabei blieb es. Ja, es folgten noch weitere Abtransporte. Im März 1917 werden von der Amanusstrecke 505 Arbeiter mit 187 Familienmitgliedern in die Wüste geschickt, von der Taurusstrecke etwa die gleiche Zahl.

4. Opfer.

Bei der Frage nach der Zahl der ermordeten, verhungerten und islamisierten Armenier kann es sich selbstverständlich nur um ganz vage Schätzungen handeln. Nach allgemeiner Annahme, die auch von deutschen Konsuln geteilt wird, ist mit einem Verlust von einer Million türkischer Armenier zu rechnen, darunter eine halbe Million Frauen und Kinder. An Kaukasus-Armeniern sollen noch 50 bis 100000 dazu kommen.

Die Berichte enthalten die folgenden Angaben: