Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Herrn Grafen Wolff-Metternich, Hochgeboren.
Anlage 1.
Deutsche Missionsklinik Urfa.
Urfa, den 5. Dezember 1915.
Ich nehme an, daß Sie über die meisten hiesigen Vorgänge seit August richtig unterrichtet sind. Dennoch möchte ich hier etwas wiederholen. Vielleicht, daß darunter doch noch etwas ist, was Sie nicht wissen.
Anfang August Ankunft zweier Beys von Diarbekir. Gleich darauf begann der Todestransport der schon lange gefangen gehaltenen Armenier, darunter auch unser Apotheker Abraham. Am 15. August beginnt neue Suche nach jungen Armeniern, behufs angeblichen Soldatendienstes. Am 19. August wurde bei einer Hausdurchsuchung aus dem Hinterhalt ein Polizist niedergeschossen, nachmittags 3 Uhr. Die übrigen Polizisten springen weg ins muslimische Quartier und melden es der Obrigkeit. Die beiden Beys von Diarbekr gaben Orders zu einem Massakre. Bis zum Abend fielen ca. 100 Armenier. Anderen Tags werden ungefähr 100 Armenier des Arbeiterbataillons eineinehalbe Stunde nördlich von Urfa abgeschlachtet. Anderen Tags 400 eines im Süden arbeitenden Arbeiterbataillons. Seit dem 19. August Stille, aber die Armenier bleiben in ihren Häusern. Am 29. September suchte die Polizei nach jungen Armeniern, welche nachts zuvor aus einem Hause Schüsse abgaben. Hierbei wurde wieder auf sie geschossen. Wer fliehen konnte, floh. Auf dem Markte befindliche Armenier wurden abgeschlachtet, doch hatten sich seit dem 19. August nur einzelne auf den Markt herausgewagt. Schon am Abend war das armenische Viertel für Muhammedaner nicht mehr zugänglich. Dann begann die Belagerung des armenischen Stadtviertels, welche ja für die Armenier schlecht enden mußte. Am 16. Oktober die Internierung der meist unbeteiligten Armenier, besonders Frauen und Kinder. Die Männer, die sich übergeben hatten, wurden abgeschlachtet, auch einige gehängt. Die Frauen und Kinder nach und nach in den Süden verschickt. Die Suche nach dem Rest der Armenier, welche sich nicht ergaben, sondern sich in Brunnen und Verstecken verborgen hatten, dauerte noch recht lange, bis Mitte November.
Anfänglich ließ man an der Revolution unbeteiligte Bäcker am Leben und in ihren Läden arbeiten, aber am 20. November entfernte man auch diese, indem man sie auf den Weg schickte und sie dann draußen abschlachtete.
Ein paar Armenier, die das zweifelhafte Metier hatten, den Türken die Wege zu den Verstecken zu zeigen, durften mit ihren Familien in Urfa bleiben. Auch Apotheker Karekin kann bleiben, aber jetzt werden diese Leute halb und halb gezwungen, Muslim zu werden. Unserem Apotheker wurde es heute nahegelegt, wenn er bleiben wolle, wenigstens einen muslimischen Namen anzunehmen. Wahrscheinlich wird auch unserem Arzt diese Sache nahegelegt.
Das an dem Aufstand völlig unbeteiligte einzige christliche Dorf Garmudj ist letzte Woche auch verschickt worden! Sehr traurig!
Oft denke ich, wenn nur jemand von uns nach Rakka, Der-es-Zor usw. gehen könnte, um dem Rest Überlebender der Verschickten beizustehen.[119] Allein ich bin sicher, die Regierung würde eine Hilfe unsererseits nicht zulassen. So müssen wir denn das Volk einfach untergehen lassen.