2. Am 16. April sind die in Maarra und den umliegenden Dörfern „angesiedelten“ Armenier, die größtenteils durch Hunger und Entbehrungen schon stark entkräftet waren, in Richtung Der-es-Zor weiterverschickt worden.
3. Am 19. April wurde hier bekannt, daß Befehl ergangen war, die bis dahin in Marasch verschont gebliebenen 9000 Armenier, den Rest von ehemals 24000, gleichfalls zu verschicken. Diese Leute hatten bei den ersten Verbannungen, in Ausführung des Befehls, sich zur Wanderung bereit zu halten, ihr letztes Hab und Gut verkauft und sind seitdem durch Entbehrungen sehr entkräftet. Mit der Ausführung des Befehls ist begonnen worden. 120 Familien sind bis zum 25. April in Aintab angekommen, von wo sie über Biredjik nach Der-es-Zor weiter sollen. Am 26. oder 27. wird ein zweiter größerer Schub in Aintab erwartet.
4. Wie ich am 20. April von einem aus Der-es-Zor kommenden türkischen Offizier erfahren habe, hat der Mutessarrif von Der-es-Zor Befehl erhalten, nur so viel Armenier dort zu lassen, als 10 Prozent der ansässigen Bevölkerung entspricht, den Rest aber nach Mossul weiter zu schicken. Die ansässige Bevölkerung von Der-es-Zor mag vielleicht 20000 betragen. Die Zahl der dorthin verschickten Armenier wird auf wenigstens 15000 zu schätzen sein, so daß also mindestens 13000 fortzuschicken wären. Der Mutessarrif Suad Bey, ein menschenfreundlicher Mann, der jahrelang in Ägypten gelebt hat, ist einer der wenigen türkischen Beamten, welche die grausamen Befehle der Regierung in ihrer Ausführung zu mildern suchen; trotzdem war der Offizier der Ansicht, daß der größte Teil der Unglücklichen verschickt werden müsse und die wenigsten davon in Mossul ankommen würden. Was Beduinen, Yesiden und Kurden übrig lassen sollten, das wird Hunger, Entbehrung und Krankheit dahinraffen.
Nachrichten vom 19. April besagen, daß in jeder der Stationen zwischen Aleppo und Der-es-Zor, also in Meskene, Abu Hrere, Hamam, Sabkha, täglich 50–100 Menschen sterben, davon der größte Teil an Hunger.
5. Am 6. April war hier bekannt geworden, daß bei Ras ul Ain wieder Massakre vorgekommen seien[128]. Die eine Nachricht besagte, daß der größte Teil des aus 14000 Personen bestehenden Konzentrationslagers niedergemacht sei, während nach einer anderen Nachricht 400 Familien aus dem Lager geführt und unterwegs umgebracht worden seien. — Nach zuverlässigen Erkundigungen eines Deutschen, der mehrere Tage in Ras ul Ain und Umgegend gewesen ist und mich bei seiner Rückkehr von dort am 22. April besuchte, muß ich folgendes annehmen: Das Lager besteht noch aus höchstens 2000 Verbannten[129]. — Es sind einen Monat lang täglich oder fast täglich 300–500 Verbannte aus dem Lager geführt und in einer Entfernung von etwa 10 km von Ras ul Ain niedergemacht worden. Die Leichen wurden in den Fluß geworfen, der auf der großen Kiepertschen Karte von Klein-Asien, Blatt Nsebin (D VI), als Djirdjib el Hamar eingezeichnet ist und der um diese Jahreszeit viel Wasser führte. Ein türkischer Offizier, welcher wegen dieser Vorgänge den Kaimakam von Ras ul Ain zur Rede stellte, habe die ruhige Antwort erhalten, er handle auf Befehl. Durch jene Gegend führt die Etappenstraße der VI. Armee von Ras ul Ain nach Mossul. Da sich dort der Bau von zwei Brücken als notwendig herausgestellt hatte, die VI. Armee aber nicht die nötigen Kräfte dafür bereit hatte, so wurde von der IV. Armee etwa am 15. April ein syrisch-muhammedanisches Pionierbataillon dafür abgegeben. Diese Leute, welche in zwei Tagen von Damaskus nach Ras ul Ain befördert worden sind, von der Lage der verschickten Armenier nichts wußten und unterwegs, wie anzunehmen, nicht beeinflußt worden sind, waren bei Ankunft an Ort und Stelle ganz entsetzt. Sie waren der Ansicht, daß die Armenier durch Soldaten niedergemetzelt seien. Darin kehrt also die Auffassung wieder, daß das Werk auf Befehl vollbracht worden sei. Jedenfalls war dies die in der Gegend allgemein verbreitete Ansicht. Als Henker hat der bei Ras ul Ain ansässige Tscherkessenstamm der Tschetschen gedient.
6. Ende Februar, Anfang März wurde den Armeniern im Arbeiterbataillon Aleppo, teilweise mit Erfolg nahegelegt, zum Islam überzutreten. Im Laufe des Monats März wurden polizeiliche Listen der Armenier Aleppos als Vorbereitung für die Verschickung angefertigt und durch Polizisten die Nachricht verbreitet, die einzige Rettung vor der Verschickung sei der Übertritt zum Islam. Als darauf eine Reihe von Familien um den Übertritt einkam, wurden sie so behandelt, als ob die Gewährung der Bitte eine besondere Gnade sei. Man schreckte also eher wieder ab, sei es, daß man unliebsames Aufsehen fürchtete, sei es, daß die Aufforderung zum Übertritt auf andere als die verantwortlichen Stellen zurückzuführen war, sei es endlich, daß man sich nur daran weiden wollte, mit den Armeniern wie die Katze mit der Maus zu spielen.
7. In Aleppo ist im März und in der ersten Hälfte April nicht nur auf die von außerhalb gekommenen hier versteckten Armenier die schärfste Jagd gemacht, sondern auch mit der Verschickung der hierorts ansässigen Armenier der Anfang gemacht worden. Auch einzelne Frauen und Mädchen wurden auf der Straße aufgegriffen und dieser Zustand zu Willkürakten von Regierungsorganen benutzt. Es wäre vielleicht nicht zu verwundern gewesen, wenn die in ihrer Religion und der Ehre ihrer Frauen angegriffenen Armenier zu Akten der Verzweiflung getrieben worden wären.
Seit dem 18. April ist in Aleppo etwas Ruhe eingetreten und zwar, wie es scheint, auf Intervention der Kaiserlichen Botschaft, welche den Minister des Innern zu dem Befehl an die Ortsbehörden veranlaßt hat, die Ortsansässigen, sowie Katholiken und Protestanten nicht zu verschicken. Die Form, unter welcher der Wali die Pause hat eintreten lassen, war seine Zusage an die hiesige Geistlichkeit, während des Osterfestes Schonung zu gewähren. Man wagt noch nicht zu hoffen, daß die Schonzeit lange dauern oder gar die Gefahr vorüber sei. Auch sind trotz der Zusage unter der Hand immer noch einzelne verschickt worden.
Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.
Rößler.