Als ich Ende Dezember 1915 mit Schwester Paula Schäfer nach Aleppo kam, um wenn möglich eine Erlaubnis zu erwirken, weiter nach Süden den Vertriebenen nachziehen zu können, war die Notstandsarbeit bereits im Gange. Die durch den amerikanischen Konsul eingehenden Gelder wurden in der Hauptsache von dem protestantischen Prediger Ohannes Eskidjian verwaltet. Es bestanden bereits mehrere Waisenhäuser und die verschiedenen Gemeinden versorgten ihre Armen soweit die eingehenden Mittel reichten. Natürlich dachten wir da zunächst nicht daran, hier die Arbeit zu übernehmen, bis Djemal Paschas abschlägige Antwort auf unsere Reisevorschläge und seine dringende Aufforderung uns des einen sehr vernachlässigten Waisenhauses anzunehmen, mich nötigte, einstweilen in Aleppo zu bleiben. Bis Ende März beschränkte ich meine Tätigkeit auf die mir übergebenen 350 Kinder und half persönlich, wo die Not an mich herantrat. Als aber Badwelli Eskidjian sowohl als der Hausvater eines Waisenhauses Ende März starben, übernahm ich nach seinem Wunsch die Notstandsarbeit ganz, sowie auch das Waisenhaus, das er mit Erlaubnis der Regierung eröffnet hatte. Wie aus der Abrechnung von April und Mai hervorgeht, habe ich Gelegenheit, Gelder nach den verschiedensten Richtungen zu versenden. Mit der Post können natürlich nur kleine Beträge unauffällig gesandt werden, aber Geschäftsleute und Durchreisende, auch einzelne mutige junge Armenier, denen es gelingt, zwischen Aleppo und Der-es-Zor zu reisen, vermitteln größere Summen. Die Schwierigkeit in dieser Arbeit besteht hauptsächlich in der mangelnden Organisation, aber es ist unmöglich, jetzt Komitees zu bilden, ohne sofort den Verdacht der Regierung auf sich zu laden. Auch Quittungen sind nicht zu bekommen, da sich die Leute aus Furcht weigern, ihre Unterschrift zu geben. Daß diese Art der Arbeit viel unzufriedene Gemüter aufregt, läßt sich denken; manches fühlt sich übergangen und andere vorgezogen; man kritisiert diejenigen, welche die Gelder verwalten. Hoffentlich hat dies nicht noch schließlich zur Folge, daß die Regierung doch aufmerksam wird, und daß diese letzte Hilfsquelle abgeschnitten wird.
Beatrice Rohner.
275.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Therapia, den 19. Juni 1916.
Abschriftlich
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg gehorsamst überreicht.
Metternich.
Kaiserliches Konsulat.