Omer Nadji selbst war froh, in mir, als deutschem Offizier, eine Stütze für seine maßvolle Haltung gegenüber den anderen Komiteemitgliedern zu finden.

Der grauenvolle Anblick der erschlagenen Armenier in den verwüsteten Dörfern der von uns durchzogenen Gebiete bis Bitlis verfehlte auch auf die anderen Herren seine Wirkung nicht. Es war ihnen sichtbar unangenehm, daß ich und meine deutschen Begleiter Zeugen dieses Wirkens ihrer Gesinnungsgenossen wurden, und versuchten sie wiederholt durch Erklärungen, die alle Schuld den Kurden beimaßen, den von uns empfangenen üblen Eindruck abzuschwächen.

Ich konnte in einzelnen Fällen, so z. B. in Bitlis, den noch dort zurückgebliebenen armenischen Frauen und Kindern, deren sich amerikanische Missionarinnen angenommen hatten, Erleichterungen verschaffen und auch den letzteren Hilfe gewähren.

Nicht unerwähnt möchte ich folgenden charakteristischen Vorfall lassen:

Auf dem Wege nach Mossul, der uns in den neugeschaffenen Befehlsbereich der 6. Armee führte, erhielten Omer Nadjis und meine Abteilungen den Befehl, ein Armenierdorf bei Hesak, in dem sich angeblich aufständische Armenier verschanzt hatten, zu stürmen und zu bestrafen. Ich erfuhr rechtzeitig, daß die angeblich „Aufständischen“ Leute waren, die sich aus Furcht vor einem Massaker verschanzt hatten und gern bereit wären, ihre Waffen auszuliefern, wenn ihnen nur ihr Leben zugesichert würde.

Ich entzog mich dem mir drohenden Konflikt dadurch, daß ich die mir unterstellten Deutschen, Offiziere und Mannschaften, nach Mossul berief und den Befehl über die türkischen Mannschaften einem meiner türkischen Offiziere übergab, mit der Motivierung, daß es sich um eine „innertürkische“ Angelegenheit handele und ich es daher nicht für angebracht halte, daß Deutsche hierbei den Befehl über „Gendarmeriedienst“ tuende türkische Truppen führten. Mein Verhalten fand die Billigung des Generalfeldmarschalls v. d. Goltz.

Auch von türkischer Seite wurde dasselbe anerkannt. Die dabei zutage tretende Enttäuschung legt die Vermutung nahe, daß es sich bei diesem mir erteilten Befehl um einen Versuch Halil Beys handelte, mich und die mich begleitenden Deutschen, in uns kompromittierender Weise in die Armenierangelegenheit hineinzuziehen[138].

Die später erfolgte Zuteilung meiner Abteilung zur neugeschaffenen Gruppe Mossul und meine dadurch bedingte militärische Unterstellung unter das Kommando des Wali von Mossul, Haidar Bey, legte mir naturgemäß größere Zurückhaltung in bezug auf das Eingreifen in armenische Fragen auf.

Trotz der Schwierigkeit meiner Stellung konnte ich aber auch hier bewirken, daß während der ganzen Zeit meiner Anwesenheit bei den in Nordpersien operierenden türkischen Truppen Fälle von Massakern oder außergewöhnlichen Bedrückungen der dortigen orientalischen Christen nicht vorgekommen sind.