Als Gesamtergebnis hat die Ausrottungspolitik dem türkischen Reiche schwer geschadet. Die Greuel des Armenierfeldzuges werden noch lange auf dem türkischen Namen lasten und noch lange denjenigen Waffen liefern, die der Türkei die Eigenschaft als Kulturstaat absprechen und die Austreibung der Türken aus Europa verlangen. Auch innerlich ist das Land durch den Untergang und die Verbannung einer körperlich kräftigen, arbeitsamen und sparsamen Bevölkerung ansehnlich geschwächt worden, besonders da Armut an Menschen eines der größten Hindernisse bei der rascheren Entwicklung der türkischen Bodenschätze bildet.

Im vertrauten Gespräche habe ich Talaat Pascha gegenüber seit Beginn meiner hiesigen amtlichen Tätigkeit mit meiner Meinung über diese Frage nicht zurückgehalten. Daß er jetzt, zur Macht gelangt, in seiner ersten programmatischen Erklärung die Gleichberechtigung der ottomanischen Nationalitäten zum wichtigen Punkte des Regierungsprogrammes macht, ist mit Genugtuung zu begrüßen. Wie ich vertraulich höre, ist mit Einstellung der Armeniervertreibungen und mit Aufhören der an einzelnen Stellen hervorgetretenen Verfolgung gegen die Griechen zu rechnen. Den Armeniern soll (damit will man aber erst in einiger Zeit hervortreten) die Rückkehr in ihre alten Wohnplätze, soweit diese nicht als Kriegsgebiet zu betrachten sind, gestattet werden.

Die wilde nationalistische Richtung ist natürlich noch nicht tot. Die fähigen und rücksichtslosen Köpfe, die sie vertreten haben, werden sich bei ihrer zeitweiligen Niederlage nicht beruhigen. Auch darauf, daß nun, wie mit einem Zauberschlage, die Klagen aus verschiedenen Provinzen über Bedrückungen und Verfolgungen einzelner Verwaltungsbeamten völlig verstummen, ist nicht zu rechnen. Aber die Erfahrung lehrt doch, daß die in Konstantinopel ausgegebene Parole im großen ganzen in der Provinz befolgt wird; um so mehr, wenn die Parole nicht das Ergebnis fremden Drucks auf die Zentralregierung ist, sondern der freien Entschließung der türkischen Machthaber entspricht. Dies ist zum Glück dieses Mal der Fall.

Zweifellos wird die Stellungnahme Talaat Paschas in seiner gestrigen Rede für geraume Zeit hinaus richtunggebend bleiben. Dies ist, meiner Ansicht nach, für uns und die Sache des deutsch-türkischen Bündnisses ein großer Gewinn. Denn auf Seiten all unserer Feinde bestand das Bestreben, uns für die blutigen Ausschreitungen des türkischen Nationalismus verantwortlich zu machen. Andererseits bildeten die häufigen Einmischungsversuche, zu denen uns humanitäre Erwägungen gegenüber diesen Maßnahmen veranlaßten, eine Quelle ständiger Reibung mit der türkischen Regierung. Auch unserer Öffentlichkeit gegenüber ist das Bündnis mit einer gemäßigten, auch im Innern nach modernen Grundsätzen arbeitenden Türkei leichter zu verteidigen und aufrecht zu erhalten, als mit einem ausgesprochen ottomanisch-nationalistischen Gebilde.

von Kühlmann.

Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.

318.

Kaiserlich
Deutsche Botschaft.

Pera, den 24. Februar 1917.

Talaat Pascha bestätigte mir persönlich, daß er in allen Fragen der Nationalitätenpolitik einen neuen Kurs zu steuern beabsichtige. Er habe sowohl den katholischen, als den ökumenisch armenischen Patriarchen zu sich kommen lassen und ihnen gesagt, die armenische Bevölkerung könne sicher sein, daß ihre verfassungsmäßigen Rechte nicht angetastet werden. Was die vorige Regierung unter dem Zwange militärischer Notwendigkeit habe veranlassen müssen, solle nach Möglichkeit wieder gut gemacht werden. Entsprechende Befehle seien an alle Provinzialbehörden ergangen.