370.

Orient- und Islam-Kommission
des Deutschen Evangelischen Missions-Ausschusses.

Berlin, den 11. Februar 1918.

Euer Exzellenz

bitte ich als Vorsitzender der Orient- und Islam-Kommission des Deutschen Evangelischen Missionsausschusses unsere ernste, neuerdings aufs höchste gesteigerte Sorge um das Geschick des armenischen Volkes gehorsamst vortragen zu dürfen, wie ich mich in gleicher Angelegenheit wiederholt an Euer Exzellenz Herrn Amtsvorgänger habe wenden dürfen.

Wenn schon im Januar d. J. die durch die Verhandlungen in Brest-Litowsk eröffnete Aussicht auf Wiederbesetzung des von den Russen eroberten Teils von Türkisch-Armenien durch die Türken die Gefahr neuer, schlimmer Ausschreitungen nahelegte, so läßt die vom Wolffschen Büro am 4. Februar mitgeteilte Meldung der Agence Milli für die nächste Zeit Vorgänge befürchten, die alles, was schon während dieses Krieges an Greueln bekannt wurde, unter Umständen weit hinter sich lassen können. Wenn es wahr ist, daß nachdem die russischen Truppen von ihrer dortigen Front abgezogen sind, die armenischen Kadres des russischen Heeres aber, verstärkt durch armenische Freischärler von türkischer Seite, um ihre Landsleute nicht wehrlos in die Hände der nach den früheren Erlebnissen nicht ohne Grund gefürchteten Türken fallen zu lassen, sich selbständig zur Wehr gesetzt, die armenische Republik erklärt, und bereits an türkischer Bevölkerung, die ihnen erreichbar war, Racheakte verübt haben, so ist nicht nur zu erwarten, daß die Türken bei der Niederwerfung dieses verzweifelten, in letzter Stunde gewagten armenischen Freiheitskampfes mit schonungsloser Grausamkeit vorgehen werden, sondern es ist auch die Lage der noch in Anatolien und Syrien lebenden Armenier aufs neue und sehr ernstlich gefährdet. Aber selbst wenn die armenische Bevölkerung im türkischen Machtbereich, eingeschüchtert durch ihre furchtbaren Erlebnisse in den letzten Jahren, sich gänzlich loyal verhält, so ist nicht anzunehmen, daß ihre muslimische Umwelt ihnen das glauben wird. Auf beiden Seiten sind von der Vergangenheit her Verbitterung, Rachsucht und Mißtrauen jetzt so hoch gehäuft, daß schon ein grundloses Gerede genügen könnte, um Ausbrüche der Volkswut auszulösen. Sind aber solche Exzesse erst an einigen Stellen vorgekommen, so ist das Unheil unter Umständen nicht mehr aufzuhalten, und das Ende kann die fast völlige Ausrottung des armenischen Volkes werden.

Diese unsere Sorgen wären selbst in dem Falle begründet, daß die türkische Regierung jetzt den ernstlichen Willen hätte, Ausschreitungen zu verhüten, wie auch wir hofften neuerdings voraussetzen zu dürfen. Aber die erwähnte Meldung der Agence Milli spricht leider stark für das Gegenteil. Kam es der türkischen Regierung nur darauf an, militärische Maßnahmen über die Waffenstillstandsgrenze hinaus zur Pazifizierung ihres früheren Gebietes im voraus vor der Öffentlichkeit Europas zu rechtfertigen, so genügte dazu der Hinweis auf den dem Waffenstillstandsvertrag zuwiderlaufenden Abzug der russischen Truppen und auf das Auftreten irregulärer armenischer Banden. Wenn sie statt dessen in jener Meldung sich über die an Türken verübten armenischen Gewalttaten, die, so verabscheuenswert sie sind, nicht ein Tausendstel dessen ausmachen, was während dieses Krieges Türken an Armeniern begangen haben, ausführlich ergeht, so kann ihr die Wirkung solcher Schilderung auf die muselmanische Bevölkerung des eigenen Landes nicht unbewußt gewesen sein. Dazu kommt, daß in der durch die Agence Milli unter dem 5. Februar mitgeteilten Rede von Halil Pascha die Worte,

„Wir weisen noch einmal alle Vorschläge oder Ratschläge, die uns von welcher Seite auch immer in Form einer Einmischung in unsere inneren Angelegenheiten zugehen, entschieden zurück.“

nach dem Zusammenhang und nach ihrer Betonung auffallen. Ist denn die Selbständigkeit der Türken in ihren inneren Angelegenheiten durch irgendwen außer durch die Ententemächte bedroht? Oder soll hier im voraus einem Einspruch auch der Bundesgenossen, den zu befürchten man allen Grund hat, ein Riegel vorgeschoben werden?

Ich bitte, das Mißverständnis, als sei diese meine ehrerbietige Vorstellung aus unfreundlicher, illoyaler Gesinnung gegen unsere osmanischen Bundesgenossen geflossen, völlig ausschließen zu dürfen. Die zu der von mir geleiteten Orient- und Islam-Kommission gehörigen evangelischen Missionen und Liebeswerke verfolgen rein religiös-charitative Ziele. Unsere Instruktion bildet der supranationale Missionsbefehl Jesu. Wir dienen den Völkern, zu denen wir uns gesandt wissen, mit dem Evangelium und sind überall der bestehenden Obrigkeit untertan. Als einen verhängnisvollen Mißgriff müßten wir es verurteilen, wenn eine Mission ein unterworfenes Volk zum Freiheitskampf verleiten, oder in ihm bestärken oder unterstützen wollte. Als Einzelne verfolgen wir die politischen Ziele unseres deutschen Vaterlandes, als Missionsarbeiter im fremden Lande kennen wir politische Ziele nicht. Uns treibt allein christliches Erbarmen, dieses aber ist ebenso der muselmanischen Bevölkerung zugewandt, wie der armenischen. Wir können den Untergang eines altchristlichen Volkes durch fremde und eigene Schuld nicht teilnahmslos mit ansehen, wissen auch wohl, daß die Türkei durch seine Ausrottung sich selbst den größten Schaden zufügt, und dürfen auch nicht gleichgültig bleiben gegenüber dem ungeheuren Ärgernis, mit dem dadurch der deutsche Name in aller Welt belastet wird.