Um die Verwundeten aufzulesen und die sich dort noch aufhaltenden Tataren zu verjagen, durchstreiften wir nun die Gärten und das Tal. Es bot sich uns daselbst ein schauderhaftes Bild dar. Die ganze Gegend war bestreut mit nackten blutbefleckten, unmenschlich zugerichteten Leichen und Schwerverwundeten. Aus verschiedenem Versteck, aus dem Gebüsch, aus hochgewachsener Saat, aus Wassergräben und Kanälen krochen auf unseren Ruf die am Leben Gebliebenen hervor und freuten sich unbeschreiblich, als sie sich in den Händen der Deutschen wußten. So gelang es uns, hundert unversehrte und 52 verwundete Armenier zu retten. Die Toten ließen wir vorläufig noch liegen, da es inzwischen Nacht geworden war, die Verwundeten aber schneller Hilfe bedurften. Die 152 Mann wurden nun im Schulhause untergebracht, wo ihnen sogleich ärztliche Hilfe durch die Ärzte Ljesnik und Tetter zuteil wurde. Auch stellte sich sofort eine Anzahl deutscher Frauen und Mädchen bereitwillig zur Verfügung, die Unglücklichen zu pflegen. Die Kolonisten brachten gleich Wäsche, Kleider, Brot, Milch, Butter und Käse und alles Mögliche herbei, um die Untergebrachten zu stärken. Diese konnten sich für ihre Rettung nicht genug bedanken.

Erst am nächsten Morgen, am Sonntag den 2. Juni, machten wir uns daran, die Toten zusammenzufahren. Dank zahlreicher Teilnahme konnte das schnell geschehen. Wir fuhren sie an einen Hügel westlich von der Kolonie zusammen. Nachmittags um 1 Uhr wurden sie da in einem Massengrabe mit der Teilnahme unseres Herrn Pastor Steinwand christlich beerdigt, im ganzen 270 Mann.

Die hundert Mann, die unversehrt geblieben und von den Kolonisten mit Kleidern und Speise versehen waren, wurden von dem türkischen Stabsoffizier als seine Gefangene erklärt und uns zur Bewachung überlassen. Am selben Tag traf in Katharinenfeld eine Eskadron türkischer Reiter ein, mit denen die Gefangenen sogleich nach Dshelal-Ogly befördert werden sollten. Dieser Umstand versetzte die Armenier in solche Angst, daß noch in derselben Nacht 35 Mann von ihnen flüchteten, darunter auch der oben erwähnte Fähnrich von der armenischen Bergartillerie. Die übrigen 65 Mann wurden am 3. Juni mit den türkischen Soldaten nach Dshelal-Ogly befördert. Die Verwundeten wurden in Katharinenfeld in unserer Pflege zurückgelassen, wo sie sich noch jetzt befinden. Jedoch sind davon die am schwersten Verwundeten, 20 an der Zahl, schon gestorben.

Leutnant Walker.

402.

(Kaiserliches
Konsulat Tiflis.)

Telegramm.

Tiflis, den 19. Juni 1918.

An Auswärtiges Amt.

Deutsche Bahnwachen haben unverändert strengen Befehl, nichts Feindseliges gegen die Türken zu unternehmen. Einfahrt der Türken ohne deutsche Genehmigung ist gemäß Artikel 2 unseres Abkommens dadurch verhindert worden, daß die Züge an der Grenze von der deutschen Kommission angehalten werden mit der Drohung, die Eisenbahnstrecke werde zerstört, falls die Türken gewaltsam weiterfahren sollten. Türken haben tatsächlich nachgegeben und haben bis heute noch keinen Transportantrag bei der deutschen Kommission gestellt.