Tiflis, den 26. September 1918.

An Generalleutnant von Seeckt, Exzellenz.

Vorgänge in Baku nach der Einnahme am 16. und 17. September 1918.

Am 16. 9. vormittags begaben sich Halil und Nuri Pascha mit ihrer Begleitung von Puta mit der Bahn nach Baku.

Bei Baladschari lagen 10 bis 12 tote weiße Engländer am Bahndamm. Der Bahnhof war nach der Wegnahme durch die Türken abgebrannt. Der Bahnkörper war auf der ganzen Strecke unbeschädigt.

Über der schwarzen Stadt hingen mächtige Rauchwolken. Türkische Artillerie hatte am 15. 9. vormittags einen Massut-Tank in Brand geschossen. Nuris Behauptung, er habe selbst gesehen, daß ein kleines russisches Kriegsschiff die schwarze Stadt beschossen habe, ist falsch. Ich habe in Baku deutsche und russische Zeugen, vor allem auch die Vertreter der russischen Flotte gesprochen. Da Südwestwind herrschte, schien der Brand eine große Gefahr für die Fabrikstadt zu bedeuten. Doch sprang der Wind am Nachmittag um. Es wurden nur 3 bis 4 große Tanks vom Feuer erfaßt, deren Inhalt am Abend des 17. noch nicht ausgebrannt war.

Noch am Vormittag des 17. war die schwarze Stadt von keinem türkischen Soldaten betreten worden! An diesem Tage kamen aus der schwarzen Stadt von verschiedenen Seiten Hilferufe. Die Tataren waren eingedrungen und plünderten. Die Gefahr, daß durch die Schießereien oder andere Zwischenfälle ein Brand mit verhängnisvollen Folgen eintreten könne, war groß. Es bedurfte trotzdem nochmaliger energischer Vorstellungen des Majors Mayr bei dem zum Stadtkommandanten bestimmten Generalstabschef Nuris, Nasim Bey, um endlich zu erreichen, daß am 17. mittags ein Infanterieregiment mit dem Schutze der wertvollen Anlagen betraut wurde, durch deren Zerstörung Baku seine wirtschaftliche Bedeutung einbüßen würde.

Die Fahrt durch die Außenstadt auf das Kampffeld bot einen seltsamen Anblick. Die Straßen waren fast menschenleer. Die Läden und Häuser waren nahezu ausnahmslos geplündert. An verschiedenen Stellen waren Haufen von geraubten Gegenständen zusammengetragen, die anscheinend den tatarischen Plünderern abgenommen und teilweise von einzelnen türkischen Soldaten bewacht wurden. Die an sich zweckmäßige Maßnahme kam jedoch nicht zur beabsichtigten Wirkung, da Soldaten und Tataren ungehindert in dem Haufen herumwühlten und wegtrugen, was ihnen beliebte. Schon auf dieser Fahrt zeigten sich die unverkennbaren Spuren schwerer Ausschreitungen. Zwei ermordete Kinder lagen am Wege, dicht neben uns krachte in einer Seitengasse ein Schuß, aus einem Fenster schrien Frauen in höchster Verzweiflung um Hilfe. Unsere Autos hielten, wir eilten in das Haus, allein die Übeltäter waren nach rückwärts entflohen. Trotzdem damals schon allgemein die Überzeugung herrschte, daß in der Stadt jede Zucht und Ordnung aufgehört und die christliche Bevölkerung geplündert, vergewaltigt und gemordet werde, wurde die Fahrt auf das Kampffeld fortgesetzt, wo eine stundenlange Parade vom 6. Infanterieregiment und den übrigen Waffen stattfand.

Nuri Pascha, der in Baku der Höchstkommandierende war, hat es unterlassen, rechtzeitig und ausreichend Maßnahmen zum Schutze des bedrohten christlichen und europäischen Lebens und Eigentums zu treffen. Ich bitte als Beweis für meine Behauptung folgende Punkte aufführen zu dürfen:

1. Am 23. 8. sagte mir Mürzel Pascha in Güsdek, daß die Tataren offen aussprächen, sie würden die Armenier massakrieren, sobald die Türken Baku nähmen. Ich habe diese Äußerung Nuri Pascha mitgeteilt, und ihn rechtzeitig mehrfach um vorbeugende Maßnahmen gebeten.