Zwischen 5 und 6 Uhr nachmittags erschien der dänische Konsul in großer Erregung im Saale des Hotel Metropol, wo sich unentwegt das ganze freie Treiben abspielte, und teilte mir mit, daß erneut deutsche Häuser geplündert und die Bewohner mit Waffen bedroht würden. Ich ging auf Nuri Pascha zu und sagte mit lauter erhobener Stimme ungefähr folgendes: „Exzellenz, ich bitte Sie nun endlich wirksame Maßnahmen zum Schutze der Deutschen zu treffen. Ich bin sonst gezwungen, der Deutschen Botschaft in Konstantinopel zu berichten, wie wenig Sie deutsches Leben und deutsches Eigentum schützen.“ Nuri erwiderte etwas verdutzt, er habe doch alles getan. Ich antwortete, daß dies nicht stimme. Man hätte eine Parade gehalten, während Mord und Plünderung herrschten. Es stünden immer noch 5 Regimenter untätig vor der Stadt, außerdem sitze der Stadtkommandant noch immer untätig im Saale. Von den Führern und Generalstabsoffizieren habe noch keiner das Hotel verlassen, um selbst einzugreifen. Ich bäte ihn nochmals dringend, nun endlich die Sicherheit der Deutschen zu gewährleisten. Ich persönlich würde mich nun mit den 3 deutschen Offizieren in die Stadt begeben, um nach Möglichkeit selbst den Deutschen zu helfen, daraufhin wandte ich mich ab und verließ den Saal.
Die ganze Auseinandersetzung konnte natürlich den im Saale Anwesenden nicht verborgen bleiben. Ich habe mit scharfer Betonung gesprochen, aber kein Wort und keine Geste gebraucht, die im geringsten beleidigend sein könnte. Der Tragweite meines Schrittes war ich mir wohl bewußt. Ich bin der festen Überzeugung, daß ich in der gegebenen Lage nach all dem Vorausgegangenen so handeln mußte, wenn nicht die deutschen und neutralen Vertreter die Anschauung gewinnen sollten, daß der Schutz deutschen Lebens und Eigentums in ungenügender Weise von mir vertreten würde, da höfliches Ersuchen nicht zum Ziele geführt hatte.
Sachlich trug mein Auftreten jedenfalls Früchte. Der Stadtkommandant wurde sofort seiner Stelle enthoben. Nasim Bey wurde zum Stadtkommandanten ernannt und richtete sich nun eine Arbeitsstätte in einem anderen Hotel ein. Offiziere wurden mit Autos in die Stadt entsandt. Neue Truppen wurden in die Stadt gezogen. In diesen Maßnahmen dürfte das beste Eingeständnis der bisherigen Unterlassungen liegen.
Ich hatte an einige deutsche Häuser türkische Posten aufgestellt und war auf Ersuchen einer deutschen Familie mit Major Mayr zu einem jungen armenischen Rechtsgelehrten gefahren, der von den Tataren mit dem Tode bedroht wurde. Ich stellte vor das Haus ebenfalls einen Posten und nahm den Mann mit in das Hotel. Es war Nacht geworden. Als wir heimfuhren, krachten von allen Seiten die Schüsse. Das Feuer wurde immer lebhafter. Es klang, als ob in der Stadt ein erbitterter Kampf ausgefochten würde. Nuri Pascha meinte, es sei Festschießen zu Ehren des Kurban-Beiram. Auf jeden Fall war das Schießen ein willkommener Deckmantel für die Fortsetzung des Gemetzels.
Am nächsten Morgen, 17. 9., ging die Plünderung ruhig weiter. Nun wurde vor unserem Hotel ein Plünderer aufgehängt. Die Türken erzählten uns, auch andere Hinrichtungen würden jetzt vollzogen, um die Plünderer abzuschrecken. Als ich am 17. 9. abends Baku verließ, war in der Nähe des Bahnhofs noch eine lebhafte Schießerei. Die Ordnung war in der Stadt noch nicht hergestellt.
Die Ausschreitungen spielten sich meist im Innern der Häuser ab. Daher lagen auf den Straßen verhältnismäßig wenig Leichen. Sie waren meistens in Winkeln zusammengetragen, so daß man oft erst durch den Geruch aufmerksam wurde. An einer Stelle sah ich sieben Leichen, meist nackt, übereinander liegen, darunter mehrere Kinder und eine Wöchnerin. Die Leichen waren nahezu alle mit blutunterlaufenen Stellen, die von Kolbenschlägen herrührten und mit Stichen bedeckt. Aus Kellern schlug Leichengeruch entgegen. Ich muß betonen, daß ich nur wenig Zeit hatte, den Spuren des Gemetzels nachzugehen, da ich von allen Seiten um Hilfe bestürmt wurde. Doch schon auf meinen kurzen Gängen traf ich auf diese handgreiflichen Beweise der Metzeleien. Der Eindruck der Plünderung ganzer Straßenzeilen vom Keller bis unter das Dach drängte sich ohne weiteres beim Passieren der Straßen auf. Als ein türkischer Major am 17. abends von einem Rundgang zurückkam, sagte er unaufgefordert zu mir: „Sie haben recht. In der Stadt ist es schrecklich zugegangen. Man kann es nicht leugnen.“ Vor anderen Zeugen erzählte mir ein Deutscher, er sei mit dem Adjutanten Nuri Paschas in ein Haus gekommen, in dem 13 Grusinier ohne Unterschied des Geschlechts und Alters ermordet lagen. Als er darauf hinwies, daß es sich um Grusinier, also deutsche Schutzbefohlene handle, erhielt er die Antwort: „Man hat sie eben für Armenier gehalten.“
Der dänische Konsul bemühte sich, die Erschießung der beiden Deutschen aufzuklären. In ihrem Hause hatten sich armenische Soldaten verteidigt, die bei der Annäherung der Türken flohen. Obwohl beide ohne Waffen waren, und sich als Deutsche bezeichneten, wurde sie ohne weitere Prüfung des Sachverhaltes an die Wand gestellt und erschossen.
Aus der Fülle der tragischen Erlebnisse und erschütternden Eindrücke möchte ich ein Vorkommnis herausgreifen. Eine deutsche Dame mit drei Töchtern teilte mir mit, daß ihr Schwiegersohn — ein Armenier — getötet worden und ihre Tochter — eine Deutsche — mit zwei Kindern weggeschleppt worden sei. Da ich hoffte, sie befänden sich vielleicht in einem der Schutzlager, in die die Armenier seit dem 17. vormittags mit Kolbenstößen und Peitschenhieben zusammengetrieben und wie Viehherden zusammengepfercht wurden, so ging ich mit ihr von Lager zu Lager. Die Verlorene war nirgends zu finden. Alles hofft auf Deutschlands Hilfe. Vom Auftreten der Türken hat man genug.
Ich halte es für dringend nötig, schon zum Schutze der riesigen wirtschaftlichen Interessen, daß deutsches Militär und deutsche Sachverständige nach Baku kommen.
Den türkischen Versuchen gegenüber, die schweren Verfehlungen und widerlichen Vorgänge in Baku als harmlos und als im Zusammenhang mit der Erstürmung der Stadt hinzustellen, möchte ich nochmals betonen, daß das Gemetzel schon vor Wochen angekündigt und ohne jeden Zusammenhang mit taktischen Vorgängen durchgeführt wurde. Auch der Einwurf, man habe die Truppen nicht in die Stadt gelassen, da man ihrer nicht sicher gewesen sei, ist nicht stichhaltig. Allerdings durfte man nicht, wie es vielfach geschah, die Soldaten in kleineren Patrouillen durch die Stadt schicken. Wo dies geschah, beteiligte sich die türkische Soldateska lebhaft am Plündern und Schänden. Hätte man sie bataillonsweise auf den großen Plätzen aufgestellt und von dort Züge unter Offizieren entsendet, so hätte sich Ordnung schaffen lassen und die Truppe wäre in der Hand behalten worden.