Berittene Gendarmen machen die Runde, um alle, die zu entweichen suchen, festzunehmen und mit der Knute zu bestrafen. Die Straßen sind gut bewacht. Und was für Straßen! Sie führen in die Wüste, wo sie ein ebenso gewisser Tod erwartet, wie unter der Bastonnade ihrer ottomanischen Gefängniswärter.

Ich begegnete in der Wüste, an verschiedenen Orten, sechs solcher Flüchtlinge, die im Sterben lagen. Sie waren ihren Wächtern entschlüpft. Nun waren sie von ausgehungerten Hunden umgeben, die auf die letzten Zuckungen ihres Todeskampfes warteten, um sich auf sie zu stürzen und sie zu verzehren.

Am Wege findet man überall die Überbleibsel solcher unglücklichen Armenier, die hier liegengeblieben sind. Zu Hunderten zählen die Erdhaufen, unter denen sie ruhen und namenlos entschlafen sind, diese Opfer einer unqualifizierbaren Barbarei.

Auf der einen Seite hindert man sie, die Konzentrationslager zu verlassen, um sich irgendwelche Nahrung zu suchen, auf der anderen Seite macht man es ihnen unmöglich, die natürlichen Fähigkeiten, die dieser Rasse eigen sind, zu gebrauchen, um sich an ihr schreckliches Schicksal anzupassen und ihre traurige Lage in erfinderischer Weise zu verbessern.

Man könnte irgend welche Unterschlupfe, Stein- oder Erdhütten bauen. Wenn sie wenigstens irgendwo unterkommen könnten, wäre es ihnen möglich, sich mit Landarbeit zu beschäftigen. Aber auch diese Hoffnung hat man ihnen genommen, denn sie werden beständig unter Bedrohung des Todes von einem Ort zum andern geschleppt, um Abwechslung in ihre Qualen zu bringen. Man scheucht sie auf zu neuen Gewaltmärschen, ohne Brot, ohne Wasser, unter der Peitsche ihrer Treiber neuen Leiden, neuen Mißhandlungen ausgesetzt, wie sie nicht einmal die Sklavenhändler des Sudan ihren Opfern zufügen würden, und die ganze Strecke des Weges, eine fürchterliche Reihe von Leidensstationen, ist durch die Opfer dieser Transporte bezeichnet.

Diejenigen, die noch etwas Geld bei sich haben, werden unablässig von ihren Wärtern ausgeplündert, die sie mit einer noch weiteren Verschickung bedrohen, und wenn ihre kleinen Mittel erschöpft sind, diese Drohungen auch in Ausführung bringen. Hier von „Tausend und eine Nacht“ des Schreckens zu reden, heißt nichts sagen. Ich glaubte buchstäblich die Hölle zu durchqueren. Die wenigen Züge, die ich wiedergeben will, sind zufällig und in der Eile zusammengelesen. Sie können nur eine schwache Vorstellung von dem entsetzlichen und grauenhaften Bild geben, das ich vor Augen gehabt habe. Überall, wo ich gereist bin, habe ich dieselben Szenen gesehen; überall, wo das Schreckensregiment der Barbarei herrscht, das die systematische Ausrottung der armenischen Rasse zum Ziel hat. Überall findet man dieselbe unmenschliche Bestialität der Henker, dieselben Torturen, mit denen man die unglücklichen Opfer quält. Von Meskene bis Der es Zor, überall sind die Ufer des Euphrat Zeugen derselben Scheußlichkeiten.

1.

Meskene, durch seine geographische Lage an der Grenze von Syrien und Mesopotamien, ist der gegebene Konzentrationspunkt für die Transporte der deportierten Armenier aus den anatolischen Wilajets, von wo aus sie längs des Euphrat verteilt wurden. Sie kamen dort zu Zehntausenden an, aber der größte Teil von ihnen ließ dort sein Leben. Der Eindruck, den die große Ebene von Meskene hinterläßt, ist tieftraurig und deprimierend. Die Auskünfte, die ich an Ort und Stelle empfangen habe, gaben mir das Recht zu sagen, daß gegen 60000 Armenier hier begraben sind, die dem Hunger, den Entbehrungen, der Dysenterie und dem Typhus erlagen. Soweit das Auge reicht, sieht man Erdhügel, von denen jeder etwa zweihundert bis dreihundert Leichen enthält. Frauen, Greise, Kinder, alles durcheinander, von jedem Stand und jeder Familie.

Gegenwärtig sind noch 4400 Armenier zwischen der Stadt Meskene und dem Euphrat eingepfercht. Sie sind nicht mehr als lebende Gespenster. Ihre Oberwächter verteilen ihnen sehr unregelmäßig und sparsam ein kleines Stück Brot. Es kommt oft vor, daß sie im Lauf von drei oder vier Tagen absolut nichts erhalten.

Eine entsetzliche Dysenterie wütet und fordert besonders unter den Kindern schreckliche Opfer. Diese unglücklichen Kleinen fallen in ihrem Hunger über alles her, was sie finden, sie essen Gras, Erde und selbst Exkremente.