Auf Grund der Mitteilung des Walis von Mossul vom 8. Mai telegraphiert dortiges Konsulat:

Christliche Bevölkerung der Provinz Wan befindet sich seit mehreren Tagen im Aufruhr. Armenier überfielen muhammedanische Dörfer bei Wan, angriffen vergeblich Zitadelle Wan. Schwache türkische Garnison verlor 300 Mann bei Abwehr Angriffe. Stadt selber, in der täglich Straßenkämpfe, größtenteils in Händen der Aufrührer. Aufstand besonders heftig im Bezirk Schatakh bei Wan. Nestorianer-Stamm der Tiari im Bezirk Baschkalé erhob sich gleichzeitig, 2000 gut bewaffnete Tiari überfielen muhammedanische Dörfer und verschanzten sich nördlich von Djulamerk. Nach Wan und Baschkalé sollen Truppenverstärkungen unterwegs sein.

Wegen Schicksals deutschen Waisenhauses Wan telegraphiert Botschaft direkt an Prediger Spoerri.

Wangenheim.

47.

Kaiserlich
Deutsches Konsulat.

Aleppo, den 10. Mai 1915.

Seitdem ich von Marasch zurückgekehrt bin, haben neueren Nachrichten zufolge die Verbannungen aus Zeitun und den umliegenden Dörfern größeren Umfang angenommen. Ferner haben nach einem Telegramm des Missionars Blank vom 9. d. M. die Verschickungen jetzt auch aus Marasch begonnen. Die Liegenschaften der Verbannten werden von einer dazu eingesetzten Kommission abgeschätzt und sollen ihnen vergütet werden. Doch wird abzuwarten sein, ob diese Absicht der Regierung auch ausgeführt werden wird. Die Wiederansiedlung soll im Wilajet Konia und anscheinend in Zor erfolgen. Wird die Behandlung aber so fortgesetzt, wie Blank sie schildert, so werden die Überwandernden, soweit sie nicht ihr Leben einbüßen, elend und krank ankommen, und nicht mehr die Fähigkeit haben, sich wirtschaftlich wieder aufzurichten. An Stelle der Verbannten werden muhammedanische Flüchtlinge aus dem Balkan in Zeitun und Umgegend angesiedelt.

Inzwischen habe ich weiter in Erfahrung zu bringen gesucht, worauf sich die Ansicht der Regierung von einer weit verbreiteten armenischen Verschwörung stützt. Nur eine Tatsache aber ist mir bekannt geworden. Nämlich eine mit Armeniern in enger Fühlung stehende und gut über sie unterrichtete neutrale Persönlichkeit hat mir erzählt, es seien im Beginn von Einwohnern von Dörtjol Briefe nach Zeitun abgeschickt worden, daß der Moment zu einer Empörung günstig sei. Verbindung mit den englischen Kriegsschiffen sei hergestellt. Ob die Briefe ihre Bestimmung erreicht haben, ist meinem Gewährsmann nicht bekannt. Bewiesen wäre also damit, wenn überhaupt mein Gewährsmann gut unterrichtet war, eine Aufforderung zur Empörung. Wie sich die Adressaten zu dieser Aufforderung verhalten haben, ist nicht bekannt. Sind von englischer Seite die Adressen von Mitgliedern der Wohltätigkeitsgesellschaft, die ja in Ägypten zu haben waren, zu englischen Zwecken gebraucht worden, so müßte von türkischer Seite gerechterweise vor Bestrafung der Adressaten der Beweis illoyaler Gesinnung oder illoyaler Handlungen derselben erbracht werden. Dieser ist aber offenbar nicht für nötig erachtet worden. Auch im übrigen scheint die Regierung die Verschwörung mit dem Vergrößerungsglase betrachtet zu haben. Ich bin der Überzeugung, daß die ganz überwiegende Mehrheit der Verbannten unschuldig leidet. — Die Mitglieder der Wohltätigkeitsgesellschaft haben stets offen gegenüber der Regierung gehandelt. Dafür müssen sie jetzt büßen. Die Regierung scheint auch auf dem mittelalterlichen Standpunkt zu verharren, daß für die Tat eines einzelnen oder einiger weniger Solidarhaft eines ganzen Volkes besteht. Denn ihre Maßregeln gehen auf Vernichtung der Armenier in ganzen Bezirken hinaus. Alle Armenier von Besitz, Bildung oder Einfluß sollen beseitigt werden, damit nur eine führerlose Herde zurückbleibt. Sie läuft Gefahr, das Vertrauen zu untergraben, daß es für die Armenier in Zukunft möglich sein wird, mit ihr auszukommen, und schafft dadurch selbst den Boden für Verwicklungen.

Gleichen Bericht lasse ich dem Herrn Reichskanzler zugehen.