Eine solche Anschauung, die bis zu einem gewissen Grade gültig ist, wird von ECKHART mit großer Besonnenheit mehrfach beleuchtet, z. B. p. 81 »diu sêle ist in eime ieklîchen gelide alzemâle«, p. 268 »diu sêle ist ganz und ungeteilt alzemâle in dem fuoze und in den ougen«, p. 397 »ist ganz in eime ieglîchen gelide, in den vingern, in den ougen, in dem herzen und in eime ieglîchen teil aller gelide grôzer und kleiner«, p. 537 »diu sêle ist an ir nâtûre alsô gestalt, wâ si iht ist, dâ ist si alzemâle, an ieglîchem lide ist si alzemâle, unt daz ist des schult, swâ der nâtûre iht ist, dâ ist si alzemâle«. KANT: »Ich bin ebenso unmittelbar in der Fingerspitze wie in dem Kopfe. Meine Seele ist ganz im ganzen Körper und ganz in jedem seiner Theile.« ed. ROSENKR. VII, 42.

[211] Wenn bei der 120. Rede in anderem Zusammenhange eine kantische Einführung empfohlen sein durfte, so wird hier als Vorschule das 1.-2. Hauptstück des 2. Buches der transscendentalen Dialektik das Verständniss z. Th. erleichtern. Da kommt unser Ergebniss vom »Entstehn und Vergehn des Selbstes« bei der Kritik des 1. Paralogismus zustande: »Denn das Ich ist zwar in allen Gedanken; es ist aber mit dieser Vorstellung nicht die mindeste Anschauung verbunden, die es von anderen Gegenständen der Anschauung unterschiede. Man kan also zwar wahrnehmen, daß diese Vorstellung bey allem Denken immer wiederum vorkömt, nicht aber, daß es eine stehende und bleibende Anschauung sey, worin die Gedanken (als wandelbar) wechselten. Hieraus folgt: daß der erste Vernunftschluß der transscendentalen Psychologie uns nur eine vermeintliche neue Einsicht aufhefte, indem er das beständige logische Subiect des Denkens vor die Erkentniß des realen Subiects der Inhärenz ausgiebt, von welchem wir nicht die mindeste Kentniß haben, noch haben können, weil das Bewustseyn das einzige ist, was alle Vorstellungen zu Gedanken macht, und worin mithin alle unsere Wahrnehmungen, als dem transscendentalen Subiecte, müssen angetroffen werden, und wir, außer dieser logischen Bedeutung des Ich, keine Kentniß von dem Subiecte an sich selbst haben, was diesem, so wie allen Gedanken, als Substratum zum Grunde liegt.« K. R. V., 1S. 350.

[212] Zum stillen Niedersitzen, der lautlosen Versammlung, dem heiligen Schweigen cf. Bd. 2, S. 354 u. 391, und die 118. Rede, oben S. 183 f. So hat denn auch S. IOANNES SINAITICUS, der unverzagte asketische Felsenklimmer, auf seiner 3. Klimas den σιωπης βυθον wahrgenommen und auf der 27. Staffel dann wundersam entsprechend erklärt: προερχομενος, ὁ λογῳ ου προερχομενος, ηπιος, αγαπης ὁλος οικς, p. 28 u. 403 der Ausgabe von 1633. — In diesem Sinne hat bei uns CARLYLE gesagt: »Speech is of Time, Silence is of Eternity«, Sartor resartus III, 3.

[213] Wie das Vorspiel dieser und ähnlicher Reden lautet der Bericht in CELANOS Vita S. FRANCISCI, I, 22: Ingrediente ipso aliquam civitatem, laetabatur clerus, pulsabantur campanae, exultabant viri, congaudebant foeminae, applaudebant pueri, et saepe ramis arborum sumptis psallentes ei obviam procedebant.

Diese, zumal im 2. Bande, oft dargestellte cārikā kalyāṇena kittisaddena abbhuggatā ist gewissermaaßen eine vihārayātrā höherer Art, oder recht eigentlich eine dhammayātrā; und man erinnert sich da gern, dass Asoko gerade den letzteren Ausdruck auf dem VIII. Felsenedikt gebraucht, auch wohl im Gegensatze zur gewöhnlichen devayātrā, um alsdann, ein seltener Herrscher, zufrieden den Schluss zu ziehen, er habe, auf der anderen Seite, dabei, nämlich bei der dhammayātrā, mehr Genuss erfahren als die vorangegangenen Könige bei ihren vihārayātrās, Prozessionen, Jagdfahrten und sonstigen dergleichen Vergnügungen. — Nb: bhāge aṃñe, bez. bhagi aṃñi, ist loc.: parte alteri; wodurch mit ächt indischem feinsten Humor implicite das ‚bessere Theil‘ bedeutet ist. Aehnlich Säulenedikt VII, 2, 9, wo Asoko völlig bewusst des Unzulänglichen selbst seines großartigen Wirkens, das umfassend und allgemein wie es ist zugleich auch die mindesten Einzelheiten zum Schutze der Menschen sowie der zahmen und der wilden Thiere sorgsam vorgesehn hat, endlich — ubique princeps — mit innig melancholischem Lächeln sagt: Tata cu lahu se dhaṃmaniyame, nijhatiyā va bhuye: „Dennoch aber ist wenig gethan mit gerechtem Betragen, Einsicht üben ist wohl mehr.“ Eine solche Mahnung ist übrigens auch bei uns, zwar von keinem Kaiser und König, doch von einem Meister verkündet worden: „Ihr sollt wissen, dass die Leute die nützesten Uebungen üben. — Wisset, dass das Königreich sälig ist, wo der Mensch eins ist innen. Sie schaffen mehr ewigen Nutzes in einem Augenblicke, als alle äußeren Werke, die je auswendig gewirkt wurden“: ECKHART, p. 129; vielleicht also wie kein anderer kühn bekräftigend was der Panagios GREGORIOS Phoster ein Jahrtausend vorher schon an den Abhängen des Ararat gelebt und gelehrt: Ωθελιμωτατον γαρ ὑπαρχει απο παντων των κοσμικων περισπασμων ἡσυχιαν αγειν, και ιδιαζειν, Act. Sanct. Sept. tom. VIII fol. 393 C.

Der Bescheid über jene Ehrwürdigen, am Schlusse der obigen Rede, ist eine schlichte Auflösung der bedenklichen Frage JAKOBS, Ep. 4, 4, ουκ οιδατε ὁτι ἡ φιλια του κοσμου εχθρα του θεου εστιν; und des paradoxen Spruches, den ECKHART p. 483 aus einem gleichen Sanctus EXPERGITUS Illuminator beibringt: „Weltliche Ehre und weltliche Freude ist nichts anderes als eine ungerechte Bosheit“; wie denn sogar unser frohgemuthe und doch tiefsinnige Ritter WIRNT ebenso gesagt hatte, »daz diu werlt niht fröuden hât, ir hoehstez leben mit grimme stât |«: Wîgâlois v. 11677/78.

[214] Cf. zum Eingange dieser Rede einen Ausspruch des DIOGENES, in STOB. Flor. XCV, 19: την πενιαν αυτοδιδακτον κιναι αρετην und, ib. 11, γπικουρηλα προς φιλοσοφιαν. Ebenso der Pythagoriker HIPPODAMOS, ib. XCVIII, 71 i. f.; und noch mancher Große, der uns von SENECA in seinem encomium paupertatis, epist. LXXXVII bei Erklärung des deesse, vorgeführt wird: eine Reihe, die man beliebig von ARISTOPHANES, Plut. 593: παντ’ εστ’ αγαθ’ ὑμιν εια την πενιαν, bis zu PLOTIN, Enn. III. 2. 5: πενιαι συμφορα, und weiter ergänzen und erkunden mag. Ist nun zwar der griechische Begriff der πενια, bez. ανυπαρξια viel kleiner als der indische der śūnyatā, so stellt er doch wohl einen Bruchtheil des letzteren dar; gleichwie auch die povertà des S. FRANCESCO und die armuot MEISTER ECKHARTS, zumeist aber die himmlische Oede LAO-TSES. Bei ihnen allen gilt eben BRUNOS tiefbedachte Definition: »nessuno può gustar che cosa sia tranquillità di spirito, se non è povero o simile al povero«; und nicht minder was ein alter Barde an DON GOZIMAS dem Eremiten naiv gerühmt hat: