»Nicht sind wir, Priester, ohne Zuflucht, wir haben sie, Priester, {88} die Zuflucht, die Lehre ist unsere Zuflucht.«
»Einer solchen Rede Sinn, Herr Ānando, wie soll der wohl ausgelegt werden?«[34]
»Es ist, Priester, von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, den Mönchen ein Regelmaaß angegeben, die reine Zucht dargestellt worden. Nun kommen wir alle halben Monat, soviel unser, bis auf drei herab, im Umkreise je eines Dorfes wohnen, ebenda zusammen; und sind wir zusammengekommen, so fordern wir den, an dem die Reihe ist, auf. Der hält den Vortrag: und hat ein Mönch gefehlt, hat er sich vergangen, so wird er von uns der Lehre gemäß, der Weisung gemäß behandelt. Nicht aber, heißt es, behandeln uns die Brüder: {89} die Lehre behandelt uns.«
»Doch ist wohl, Herr Ānando, irgend ein Mönch da, den ihr jetzt werthhaltet, hochschätzt, achtet und ehrt, und dem ihr also zugethan seid?«
»Es ist wohl, Priester, irgend ein Mönch da, den wir jetzt werthhalten, hochschätzen, achten und ehren, und dem wir also zugethan sind.«
»Auf meine Frage ‚Ist nun wohl, Herr Ānando, etwa einer der Mönche von Ihm, dem Herrn Gotamo, eingesetzt worden, ›Der soll nach meinem Tode euere Zuflucht sein‹, an den ihr jetzt euch wenden mögt‘, hast du geantwortet ‚Nicht ist, Priester, etwa einer der Mönche von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, eingesetzt worden, ›Der soll nach meinem Tode euere Zuflucht sein‹, an den wir jetzt uns wenden mögen‘; auf meine Frage ‚Doch ist wohl, Herr Ānando, etwa einer der Mönche von den Brüdern erwählt, von der Mehrheit der Ordensältesten eingesetzt worden, ›Der soll nach des Erhabenen Tode unsere Zuflucht sein‹, an den ihr jetzt euch wenden mögt‘, hast du geantwortet ‚Nicht ist, Priester, etwa einer der Mönche von den Brüdern erwählt, von der Mehrheit der Ordensältesten eingesetzt worden, ›Der soll nach des Erhabenen Tode unsere Zuflucht sein‹, an den wir jetzt uns wenden mögen‘; auf meine Frage ‚Doch ist wohl, Herr Ānando, irgend ein Mönch da, den ihr jetzt werthhaltet, hochschätzt, achtet und ehrt, und dem ihr also zugethan seid‘, hast du geantwortet {90} ‚Es ist wohl, Priester, irgend ein Mönch da, den wir jetzt werthhalten, hochschätzen, achten und ehren, und dem wir also zugethan sind‘: einer solchen Rede Sinn, Herr Ānando, wie soll der nun ausgelegt werden?«
»Es sind, Priester, von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, zehn huldreiche Eigenschaften angegeben worden; bei wem von uns diese sich finden, den halten wir jetzt werth, schätzen ihn hoch, achten und ehren ihn, sind ihm also zugethan: was für zehn Eigenschaften? Da ist, Priester, ein Mönch tugendhaft, in reiner Zucht richtig gezügelt bleibt er lauter im Handel und Wandel: vor geringstem Fehl auf der Hut kämpft er beharrlich weiter, Schritt um Schritt. Viel hat er gehört, ist Behälter des Wortes, Hort des Wortes der Lehre[35]; und was da am Anfang begütigt, in der Mitte begütigt, am Ende begütigt und sinn- und wortgetreu das vollkommen geläuterte, geklärte Asketenthum überliefert: das kennt er, behält er, beherrscht er mit der Rede, bewahrt es im Gedächtniss, hat es von Grund aus verstanden. Zufrieden ist er mit Mantel und Schaale, Obdach und Arzenei für den Fall einer Krankheit. Die vier Schauungen, die das Herz erquicken, schon im Leben besäligen, die kann er nach Wunsch gewinnen, in ihrer Fülle und Weite. Er mag auf manigfaltige Weise Machtentfaltung an sich erfahren: als nur einer etwa vielfach zu werden, und vielfach geworden wieder einer zu sein, und so weiter, sogar bis zu {91} den Brahmawelten den Körper in seiner Gewalt zu haben. Mit dem himmlischen Gehör, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, kann er beide Arten der Töne hören, die himmlischen und die irdischen, die fernen und die nahen.[36] Der anderen Wesen, der anderen Personen Herz kann er im Herzen schauen und erkennen, das begehrliche Herz als begehrlich und das begehrlose Herz als begehrlos, das gehässige Herz als gehässig und das hasslose Herz als hasslos, das irrende Herz als irrend und das irrlose Herz als irrlos, das gesammelte Herz als gesammelt und das zerstreute Herz als zerstreut, das hochstrebende Herz als hochstrebend und das niedrig gesinnte Herz als niedrig gesinnt, das edle Herz als edel und das gemeine Herz als gemein, das beruhigte Herz als beruhigt und das ruhelose Herz als ruhelos, das erlöste Herz als erlöst und das gefesselte Herz als gefesselt.[37] An manche verschiedene frühere Daseinsform erinnert er sich: als wie an ein Leben, {92} dann an zwei Leben, dann an drei Leben, dann an vier Leben, dann an fünf Leben, dann an zehn Leben, dann an zwanzig Leben, dann an dreißig Leben, dann an vierzig Leben, dann an fünfzig Leben, dann an hundert Leben, dann an tausend Leben, dann an hunderttausend Leben, dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen, dann an die Zeiten während mancher Weltenvergehungen, dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen-Weltenvergehungen; ›Dort war ich, jenen Namen hatte ich, jener Familie gehörte ich an, das war mein Stand, das mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein Lebensende; dort verschieden trat ich anderswo wieder ins Dasein: da war ich nun, diesen Namen hatte ich, dieser Familie gehörte ich an, dies war mein Stand, dies mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein Lebensende; da verschieden trat ich hier wieder ins Dasein‹: so erinnert er sich mancher verschiedenen früheren Daseinsform, mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen Beziehungen. Mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, sieht er die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, er erkennt wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren: ›Diese lieben Wesen sind freilich in Thaten dem Schlechten zugethan, in Worten dem Schlechten zugethan, in Gedanken dem Schlechten zugethan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, thun Verkehrtes; bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf den Abweg, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in untere Welt. Jene lieben Wesen sind aber in Thaten dem Guten zugethan, in Worten dem Guten zugethan, in Gedanken dem Guten zugethan, tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, thun Rechtes; bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf gute Fährte, in sälige Welt‹: so sieht er mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, erkennt wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren.[38] Er hat den Wahn versiegt und die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen. — Das sind, Priester, zehn huldreiche Eigenschaften, die Er, der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte angegeben hat; bei wem von uns diese sich finden, den halten wir jetzt werth, schätzen ihn hoch, achten und ehren ihn, sind ihm also zugethan.«
Nach dieser Rede wandte sich Vassakāro der Priester, der Māgadher Marschall, an Upanando den Feldherrn und sagte:
{93} »Was meinst du wohl, Feldherr: ob da nun diese Würdigen den werthhalten, der werthzuhalten ist, den hochschätzen, der hochzuschätzen ist, den achten, der zu achten ist, den ehren, der zu ehren ist?«