VOR DER GÖTTERLACHE
{1} Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene im Lande der Sakker, bei der Götterlache[1], wie eine Burg im Gebiete der Sakker heißt. Dort nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!« — »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:
»Es giebt, ihr Mönche, manche Asketen und Priester, die sagen und lehren: ›Was immer auch ein Mensch empfindet, sei es Wohl, oder Wehe, oder weder Wehe noch Wohl, all das ist vorhergewirkt[2]: so findet durch Büßung und Tilgung alter und Vermeidung neuer Thaten ferner kein Zufluss mehr statt; weil ferner kein Zufluss mehr stattfindet, kommt es zur Thatenversiegung, durch die Thatenversiegung zur Leidenversiegung, durch die Leidenversiegung zur Gefühlversiegung, und mit der Gefühlversiegung wird alles Leid überstanden sein.‹ Das behaupten, ihr Mönche, die Freien Brüder. {2} Auf diese Behauptung, ihr Mönche, trat ich zu den Freien Brüdern heran und sprach also: ›Wirklich denn, liebe Freie Brüder, habt ihr die Meinung, habt ihr die Ansicht: ‚Was immer auch ein Mensch empfindet, sei es Wohl, oder Wehe, oder weder Wehe noch Wohl, all das ist vorhergewirkt: so findet durch Büßung und Tilgung alter und Vermeidung neuer Thaten ferner kein Zufluss mehr statt; weil ferner kein Zufluss mehr stattfindet, kommt es zur Thatenversiegung, durch die Thatenversiegung zur Leidenversiegung, durch die Leidenversiegung zur Gefühlversiegung, und mit der Gefühlversiegung wird alles Leid überstanden sein‘?‹ Da mir nun, Mönche, die Freien Brüder diese Frage mit ›Ja‹ beantworteten, sagt’ ich ferner zu ihnen: ›So wisset ihr wohl, liebe Freie Brüder: ‚Wir sind schon ehedem gewesen, nicht sind wir nicht gewesen‘?‹
›Wir wissen’s nicht, Bruder.‹
›Oder wisset ihr wohl, liebe Freie Brüder: ‚Wir haben schon ehedem Böses gethan, wir sind nicht schuldlos geblieben‘?‹
›Wir wissen’s nicht, Bruder.‹
›Oder wisset ihr wohl, liebe Freie Brüder: ‚Diese und jene böse That haben wir begangen‘?‹
›Wir wissen’s nicht, Bruder.‹
›Oder wisset ihr etwa, liebe Freie Brüder: ‚Ein Stück Leiden ist überstanden, ein anderes noch zu überstehn; ist aber ein Stück Leiden überstanden, so wird alles Leid überstanden werden‘?‹
›Wir wissen’s nicht, Bruder.‹