VORREDE
Wie schon in der Einführung zum ersten Bande, Seite XIX-XXIII, aus Inschriften des dritten vorchristlichen Jahrhunderts nachgewiesen, ist die älteste Gestalt des Kanons nicht in einem Tipiṭakam oder Dvipiṭakam sondern im Piṭakam schlechthin, nämlich im Suttapiṭakam, erhalten. Hieraus darf man schließen, wie dort begründet, auch das Vinayapiṭakam, wie später das Abhidhammapiṭakam, sei aus dem einen Kanon theils ausgeschieden, theils weiter entwickelt worden. Das vorliegende Mittlere Halbhundert des zweiten Bandes bestätigt diese Folgerungen noch genauer. Wir finden hier eine ganze Reihe von Reden, die reinen vinayo darlegen, sich bis zu den letzten Verzweigungen mit der Ordenszucht befassen, und zwar in ächter, ursprünglicher Weise, die dem wirklichen Leben entspricht, nicht mit jenen kasuistischen Erfindungen, die dem Vinayapiṭakam eignen und dessen überwiegend fingierten Charakter ausmachen. Gleich die Eröffnungsrede liefert ein klassisches Muster: klassisch, weil sie wiederum zunächst die Tugendsatzung mit aller Ausführlichkeit vorträgt, was auch im ersten Bande bei passender Gelegenheit immer geschieht. In diesem Betracht sind ja die zahlreichen Wiederholungen der Reden erklärlich, da fast jede, wie sie eben gesprochen wurde, dhammo und vinayo, Lehre und Zucht, als untrennbares Ganze giebt. Hier lässt sich nichts kürzen oder beschränken oder zusammenziehn ohne den gehörigen Zusammenhang zu verlieren: die Rede ist an eine oder an mehrere bestimmte Personen gerichtet gewesen, auf einen besonderen Anlass hin, doch im höheren Sinne allgemein gültig, hat weder zu viel noch zu wenig gesagt, sondern ihren Gang gerade eingehalten. Der Orden hatte daher bei Lebzeiten des Meisters wohl keinerlei andere Regel als die in den Reden verkündete, und diese Regel, gar verschieden von den später lawinenartig angewachsenen Korollarien, war eine ungemein einfache; so einfach, dass der Meister nicht selten einem Aufnahmesuchenden, im Gegensatze zu den nachmaligen umständlichen Vorbereitungen, sogleich und bloß mit den Worten »Komm’, o Mönch!« die Ordensweihe verlieh: sogar einem berüchtigten Mörder, nach dessen plötzlicher Umkehr, in der sechsundachtzigsten Rede. Gotamo selbst hat diese ursprüngliche Einfachheit vollkommen klar zugestanden, gegen Ende der fünfundsechzigsten Rede. Da fragt ein Mönch, woher es nur komme, dass es früher weniger Ordensregeln gegeben als jetzt, worauf ihm der greise Meister antwortet, Ordensregeln seien eben erst dann vonnöthen, wann die wahre Lehre untergehe, wann der Orden Größe und Ansehn und späte Jahre erreicht habe.
Vernehmen wir also in den Reden oft und oft des Meisters eigene Worte, rein erhalten wie sie gesprochen, so ist auch Fremdes zu merken und giebt sich meist unverhohlen kund; so schon die Umrahmung, die allerdings nur die Namen der Orte, der Personen und sonstige sachgemäße Mittheilungen bietet. Es hat aber doch hie und da Sagenhaftes Eingang gefunden, spätere Zuthat, z. B. in die dreiundachtzigste Rede. Dann sind es zuweilen upanischadartige und yogaverwandte Darlegungen, die uns begegnen, wie etwa in der siebenundsiebzigsten, bez. dreiundsiebzigsten. Gewisse Gleichnisse aus den alten Upanischaden, e. g. das in der achtundsechzigsten Rede, gewisse Uebungen des alten Yogas, besonders in der zweiundsechzigsten und zehnten behandelt, hat freilich schon Gotamo, wohlbewusst, übernommen, ausgebildet, vertieft. Der Meister behauptet ja niemals, seine Lehre widerspreche allem bisher Dagewesenen, sondern: »Wovon die Weisen erklären ‚Es ist nicht in der Welt‘, davon sage auch ich ‚Es ist nicht‘; wovon die Weisen erklären ‚Es ist in der Welt‘, davon sage auch ich ‚Es ist‘.«[*] Wie großartig der Meister zumal vedische Lehren vollendet hat, zeigt u. a. die fünfundfünfzigste Rede. Weil es aber bei mündlicher Ueberlieferung kaum anders möglich, wird auch der oder jener Jünger, nach des Meisters Tode, diesen oder jenen fremden Satz wissentlich oder unwissentlich mit überliefert haben, aus vedischen oder aus yogischen Kreisen, je nach dem gewohnten Schwergewichte. Sehr lehrreich sind hierfür die Lieder der Mönche, deren Gedanken durchaus nach dem Meister weisen, im Einzelnen aber noch subjektive Züge bewahren. Wenn sich nun, trotz der wachsenden Größe des Ordens, bis etwa in die Zeit Asoko des Großen kein tiefergehender Verfall entwickelt hat, was bei den anderen indischen Geistesdenkmalen in der Regel eher geschah, so ist das erstaunlich und kein geringer Beweis für die ungewöhnliche, andauernde Wirkung einer Persönlichkeit wie es die Gotamos war.[**] Diese Wirkung hat übrigens nicht bloß die Jüngerschaft gewaltig ergriffen, sie hat sich, wie bekannt, auf ganz Indien und weiter erstreckt; und insbesondere ist sie den Verfassern der späteren Upanischaden, des Yoga- und des Sāṃkhyaśāstram, und Barden und Dichtern, bis auf des Tul’sīdās[***] noch heute in Palast und Hütte, von Fürst und Bettler gesungenes Rāmcaritmānas herab[†], ausgiebig zustatten gekommen, ob sie es selber zwar nicht recht wissen, gleichwohl durch, oft wörtliche, Paraphrase der Meisterworte unschwer errathen lassen. Hat also Gotamo, und dann mancher der Jünger, vom Geiste der Zeit einiges benutzt, so haben die Späteren erheblich mehr von Gotamo und den Seinen gelernt, sich zu eigen gemacht und weitergegeben, bis es allmälig indisches Gemeingut geworden.
Nur indisches? Es hat den Anschein als ob jene Gedanken auch bei uns langsam, langsam merkbar würden, zu wirken begännen, kraft ihres unzerstörbaren Gehaltes. Eine gesammte Umwandlung altererbter Ueberzeugungen und Ansichten wird nun sicherlich kein Teleolog von ihnen erwarten, sowenig wie etwa unsere Missionare dergleichen beim braven Chinesen gewärtigen dürfen. Tausendjährigen Kulturen, und wären sie noch so morsch und überlebt, kann man nicht so leicht mit geistigen Mitteln beikommen, nicht von einem Jahrhundert zum anderen, wie dem Papste, schon den Untergang voraussagen: sie altern gern und wohlgemuth weiter. Aber die Gedanken haben keine Eile, langsam, langsam wirken sie durch unermessliche Zeiten und Räume, in ewiger Jugend. — Einst fragte mich der Gesandte von Siam am Berliner Hofe, Seine Exzellenz Phya Nond Buri, ob sich denn wirklich, wie man ihm erzählt habe, bereits buddhistische Einflüsse in Europa wahrnehmen ließen: ich entgegnete, ich hätte nicht eben viel davon gemerkt; da lächelte er in seiner feinen Weise und sagte, auf ein buddhistisches Volkswort anspielend: »Nun, wir haben ja Zeit, noch fünftausend Jahre.« — Wir haben mehr Zeit und weniger. Mehr, weil uns die Erde geduldig trägt; weniger, weil wir heute den Worten eines Meisters lauschen können, die aus der Welt des Unschönen und Schönen hinübergeleiten, wo es keinen Schein giebt. »Willkommen sei mir ein verständiger Mann«, sagt Gotamo, gegen Ende der achtzigsten Rede, »kein Häuchler, kein Gleißner, ein gerader Mensch; ich führ’ ihn ein, ich lege die Satzung dar. Der Führung folgend wird er in gar kurzer Zeit eben selber merken, selber sehn, dass man also ganz von der Fessel befreit wird, nämlich von der Fessel des Nichtwissens.«
Ohne einen Strich hinzu- oder hinwegzuthun, mit wohlgeprüften, -verglichenen, -gesicherten Lesarten, ist auch dieses Mittlere Halbhundert, das Majjhimapaṇṇāsam, schlicht und unangetastet übersetzt worden, bis auf den Titel und Punkt: so mag der Text in genauester Form, wenn es etwa noch weiter gelungen, in identischem Ausdrucke Zeuge sein. Die Zahlen am Rande geben die Seiten der Trenckner’schen Lesung an, so weit diese reicht: nach der sechsundsiebzigsten Rede die Seiten der siamesischen Ausgabe.
Wien, Ende 1899.
KARL EUGEN NEUMANN.